Beppus Höllen und Peaceful Yamaguchi – die Rurikoji-Pagode

Umi Jigoku – die „blaue“ Hölle

Unsere sorgsam geplante Reise mit dem Auto quer durch die von uns geliebte südliche „Vulkaninsel“ Kyushu war trotz aller „O-Inari-Gebete“ – nicht nur von uns selbst, sondern sogar von guten Freunden – ins Wasser gefallen. Riesen-Vulkan Aso, Rauch und Asche spuckender Sakurajima, Shimabara Halbinsel mit ihren vielfältigen Unzen-Vulkanen, heiße Quellen allüberall, sowohl fürs O-furo (tägliches Bad) als auch zum Anschauen, Sich-eingraben-lassen in heißen Sand, Sich-suhlen-im-Schlamm – dahin, dahin! Regen, Regen, Regen. Als Trost-Bonbon blieb uns bei einer abgespeckten Tour schließlich das aus allen Rohren dampfende Beppu, Stadt der Rauchsäulen aus hunderten heißen Bädern (Onsen). Dazu hat sie noch einige spektakuläre „Jigoku“, übersetzt „Höllen“, zu bieten, heiße, farbige Quellseen mit Temperaturen zwischen 75-98° und Namen wie Bluthölle, Meereshölle, Hölle des goldenen Drachen, und schließlich einen, wenn auch eher disneyhaft anmutenden, etwa alle 30 Minuten aufschießenden Geysir. All das im Augenblick sogar noch umgeben von letztem farbigem Herbstlaub. Nett!! Aber hat das allein die Reise gelohnt? Wenn man es als Urlaub von Kyoto betrachtet, als Verwöhn-Tage in hübschen Hotels mit Frühstücksbuffets und Verwöhn-Nächte mit Schlaf in angenehm breiten Betten anstelle der üblichen Futons am winterlich kalten Boden – nun ja!

Und doch sollte es für uns auf dieser 5-Tage-Reise völlig unerwartet das große Staunen geben. Auf dem Rückweg, bereits wieder auf dem „Festland“ Honshu gelandet, trafen wir unsere „japanische Tochter“ Mika aus Tokyo, die vorübergehend in der Nähe des Stadt Yamaguchi lebt. Selbst wenn wir gewusst hätten, dass es dort eine berühmte fünfstöckige Pagode gibt – wir, aus Kyoto mit seinen Tempeln und Pagoden, hätten vermutlich nicht den Wunsch gehabt, ihretwegen in Yamaguchi auszusteigen. Aber jetzt, an einem wie von den Göttern geschenkten Tag, mit blauem Himmel und herbstlich-wärmender Mittagssonne, standen wir ihr, vollkommen überrascht von so viel Schönheit und Eleganz, im Tempelgelände des Ruriko-ji gegenüber.

Nicht direkt, ein Teich zu ihren Füßen, in dem sie sich zusammen mit einigen Pinien, kunstvoll mit weißen Stricken umwunden, spiegelte, lag noch zwischen uns. Was für ein Juwel, ein Schatz im Halbverborgenen, zumindest was die kurzen Erwähnungen in Reiseführern betrifft. Tatsächlich ist die Pagode offiziell zum Nationalschatz erhoben worden: 600 Jahre alt, 31,2 Meter hoch, zwischen 1319 und 1442 von der einflussreichen Ouchi-Familie in der Muromachi-Zeit erbaut worden, niemals, wie viele japanische Tempelgebäude und Pagoden in Japan, abgebrannt und in erstaunlich gutem Zustand mit der leichten Patina des Alters. Ihre Eleganz und der Eindruck von Leichtigkeit verdankt sie der Tatsache, dass sich sowohl die Zwischengeschosse als auch die Dächer stärker als üblich nach oben verjüngen und die Dächer mit (feiner) Zypressenrinde gedeckt sind.

Die Tempelgebäude liegen auf einem Hügel des Geländes. Nachdem wir sie besichtigt und von einem Priester einen Stempel (eher schon eine Kalligraphie mit dem Sinnspruch: Arau kokoro = wash your heart) für unser Pilgerbuch erhalten hatten, wanderte mein Blick von der Höhe hinab immer wieder und von Mal zu Mal faszinierter zur Pagode. Das obere Dach im milden Sonnenlicht hatte es mir angetan. Zunächst wusste ich nicht, was mich, verglichen mit anderen Pagodendächern an diesem Anblick so ungemein anzog. Dann, plötzlich, ging es mir auf: Dieses Dach war nicht mit Ziegeln gedeckt, die Dachkanten, himmelwärts geschwungen an den vier Ecken, nicht mit Traufsteinen verziert. Glatt, ohne ein hervorstechendes Tüpfelchen von Spreu lag es vor meinen Augen, die sich nicht sattsehen konnten. Ein kaum wahrnehmbares leichtes Grün, ein Hauch von Moos vielleicht, verlieh ihm einen fast textilen, glänzend seidigen Schimmer. Siehst du das auch, fragte ich Mika, dieses Seidige? Nach einem Augenblick intensiven Hinschauens nickte sie und wir standen – sekundenlang, minutenlang? – still nebeneinander in alter, lange nicht verspürter Verbundenheit.

 

P.S. Die merkwürdigen Stricke an den Ästen der Pinien, gerade vor Kurzem angebracht, sollen wohl – neben den ästhetischen Absichten – die Zweige vor dem Abbrechen bei starkem Schneefall schützen.

 

Kleine Foto-Galerie

Die „rote“ Hölle, eigentlich: Blutsee-Hölle (Chinoike Jigoku)

Geysir der Tatsumaki Jigoku

Die kobaltblaue Meereshölle (Umi Jigoku) – vor 1200 Jahren entstanden

Rurikoji-Tempel

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Über gretagodberg2010

Ich bin Schriftstellerin und Reisende. Mein sogenantes zweites Heimatland ist Japan. Im meinen Artikeln möchte ich jenseits von purer Exotik das "ganzheitliche Leben" hinter dem sprichwörtlichen Bambusvorhang vermitteln, die Normalität der Menschen in ihrer Fremdartigkeit.
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