Blaue Planen – Homeless People, Teil 1

Zeltbewohner in Japan

Rüdiger hat sie zuerst gesehen, als er einmal alleine unterwegs war, in einem Park in Shinjuku im Sommer 1998, genauso wie Doris Dörrie sie im Film  „Hanami“ gezeigt hat, eine ganze Zeltsiedlung errichtet aus Pappkartons mit Plastikplanen überdeckt, einem kleinen Vordach als Eingang, in dem man, wie in einem japanischen Haus seine Schuhe vor Betreten der Zimmer auszieht und, fein säuberlich nebeneinandergestellt, bis zum Verlassen des „Innenraums“ stehenlässt: Zelte aus blauer Plastik, das  Markenzeichen der  „furosha“, der Obdachlosen, von denen man viel lieber als „homeless people“ spricht (so, als hätte dieses Phänomen nicht viel mit Japan zu tun!).

Obdachloser in seiner "Kochnische" (Shinjuku-Park/Tokyo)

Nach dem Film zweifelte ich ein wenig an Dörries Objektivität, fragte mich, ob sie die japanischen Berber nicht zu übertrieben, sozusagen wie für den Film aufgebaut gezeigt hatte, geradezu poetisch. Ich sprach darüber mit Rüdiger und er, eingedenk des eigenen Erlebnisses, verneinte.

Und dann erinnerte ich mich: Auch ich hatte sie ja schon einmal gesehen, als ich Mitte Dezember 1999 (zunächst allein, Rüdiger musste noch arbeiten) für 4 Wochen über Weihnachten und Neujahr nach Japan geflogen und mit dem Airport-Schnellzug von Osaka nach Kyoto gefahren bin. Blitzhaft im Vorüberfahren habe ich eine Siedlung gesehen und doch die ganze Szenerie erfasst – ungläubig. Armut in Japan und dazu noch so unverblümt gezeigt!! Unmöglich! Doch dann wurde mir klar: natürlich, die Blase, die sprichwörtlich „Große Blase“! Wie hatte ich sie vergessen können? Jene Zeit in den 80ger Jahren, als es den Japanern wirtschaftlich so staunenswert, so Neid hervorrufend  gut ging, dass sie europäische Schlösser ersteigern und in der Heimat wieder aufbauen konnten, als Schulmädchen –manchmal zwar auch als Dank für die „Begleitung“ eines älteren Herrn – ohne mit der Wimper zu zucken, für einen angesagten Modeartikel, mehrere 100.- DM hinblättern konnten. Diese Blase war Anfang der 90er geplatzt und hatte Japan in eine tiefe Krise gestürzt. Plötzlich  gab es in vielen Firmen keine Vollbeschäftigung mehr und damit Familien, die, an die Grenze zur Armut geraten, jeden einzelnen Yen umdrehen mussten. Und es gab Arbeitslose in einer Zahl die stetig stieg und steigt. Wie hoch sie jetzt liegt, ließ sich nur schwer ermitteln. Die Zahlen schwanken. Was die Obdachlosen betrifft, so wird sie landesweit auf etwa 30 000 geschätzt. Und doch erstaunt uns immer wieder, wie viel an Konsum sich eine große Mehrheit der Bevölkerung immer noch leisten kann, bei exorbitant hohen Preisen für Essen, Kleidung und Freizeitvergnügen, darunter auch viele Jugendliche. (Z.B. 250 € für eine Kabuki-Theaterkarte, und die Vorstellungen sind immer ausverkauft, auch Cafés und Restaurants, preiswerte und teure, sind gut besucht. Wenn man bedenkt, dass selbst in preisgünstigen „Kettenläden“ die Tasse Kaffee je nach Sorte zwischen 3 und 5 €uro, 1  Stück(chen) Kuchen oder Sandwich das Gleiche kostet, ist das schon erstaunlich.)

Ich habe rundum gefragt, wovon die Zeltleute eigentlich leben? Bekommen sie staatliche Hilfe? Die Antworten bewegten sich zwischen gar nichts, 10 € oder eine Mahlzeit am Tag, und, die häufigste: Ich weiß es nicht! Dazu muss ich ganz ehrlich sagen, dass auch ich nicht weiß, wie und wovon unsere Obdachlosen ihr Leben bestreiten. Hier nehmen viele von ihnen schlecht bezahlte Tagesjobs an. Die Fahrradwächter in Tokyo beispielsweise schienen zu ihnen zu gehören. Sie wechselten ständig.

Ohne festen Wohnsitz

Tatsächlich ist es so, dass derjenige, der keine Wohnungsadresse angeben kann, keinerlei staatliche Unterstützung erhält. Es gibt hier und da so etwas wie kostenlose Suppenküchen, doch es sind Wohltätigkeits-Organisationen, die  sie ins Leben gerufen haben, die Mahlzeiten und  z.T. auch Decken und gebrauchte Kleidung verteilen. Im Bahnhof Shinjuku,  dem größten  Bahnhof  Tokyos, schlafen in der nächtlichen Ruhepause  – das bedeutet von Mitternacht bis gegen 6.00 Uhr morgens – Hunderte  Obdachlose. Sie werden von Wohltätigkeit-Organisationen betreut.  Rein private, d.h. individuelle Hilfe, ist, auch von den Obdachlosen selbst, nicht erwünscht. Weder „Trinkste einen mit“ noch “Hut aufhalten“ kommen in Frage. Betteln ist per Gesetz verboten, es wäre beschämend und passte kaum in dieses Land, das im Verkehr miteinander, geschäftlich und privat  u.a. auf dem System des Geschenke-Gebens und Geschenke-Empfangens beruht, ein Schelm, der an Bestechung denkt. Um Geschenke empfangen zu können, muss man natürlich seinerseits Geschenke (zurück)geben können. Woher sollte ein Obdachloser sie nehmen?

Obdachloser im Shinjuku-Park, 200m vom Tokyo-Rathaus entfernt

Der Staat tut sich sehr schwer damit, das stetig wachsende Obdachlosen-Problem zu lösen, verharrt mehr oder weniger abwartend, so, als handele es sich um eine vorübergehende Erscheinung. Es gibt halbherzige Ansätze zur Wiedereingliederung, wie Arbeitsvermittlungsstellen. Aber die meisten Obdachlosen sind zu alt, eine Stelle zu finden. Viele sind krank. Der Versuch, Häuser für Obdachlose anzumieten, ist am Protest von  Anwohnern gescheitert. Zwar gibt es inzwischen einige übers Land verteilte staatliche Kliniken, die medizinische Betreuung anbieten. Doch sie werden von den Obdachlosen eher gemieden. Sie fühlen sich vom Personal diskriminiert.  Fazit: Eine deutliche Strategie von Seiten des Staates ist nicht zu erkennen. – Ein erschreckendes Beispiel bietet Kobe. Hier  wohnen jene Menschen, die durch das große Erdbeben vor 16 Jahren Hab und Gut verloren haben und nicht in der Lage waren, sich mangels Arbeitsplätzen, Rücklagen oder familiärer Hilfe eine neue Existenz zu schaffen, immer noch in Übergangsbehausungen. In 4 Jahren läuft der staatliche Subvention-Vertrag aus. Was soll dann werden?

Vielen dieser Menschen sieht man die Obdachlosigkeit nicht an. So lange es geht, halten sie sich ordentlich gekleidet, vor allem Frauen pflegen das Wenige, was sie besitzen mit Sorgfalt. Doch Frauen sind in der Minderzahl, die Zahl der Männer ist weitaus höher. Es geht hier weniger, wie bei uns, um Alkoholiker, Dogenabhängige oder Aussteiger, sondern um Menschen, die zumeist im 50. Lebensjahr im Zug der großen Depression ihren Job verloren haben, fleißige, ehrenwerte, der Firma treu ergebene Arbeiter und Angestellte. Diese Tatsache gehört wohl mit zu dem größten Schock, den Japan in den letzten 20 Jahren erlebt hat. Eine Firma, die ihre Angestellten auch in schlechten Zeiten bis zur Pensionierung beschäftigt hat, eine Firma, die für ihre Angestellten und Arbeiter stets DIE FAMILIE war, entlässt ihre „Kinder“. Unglaublich, in diesem Land! Unglaublich und beschämend für die Betroffenen, ein Gesichtsverlust. Für manche so sehr, dass sie ganz einfach von der Bildfläche verschwunden sind und weiterhin verschwinden, wenn es sie trifft. Noch mit dem Anzug des „Salariman“ und einem Handy ausgestattet, versuchen sie von ihrem Zelt aus eine neue Stelle zu finden  – was selten gelingt. So bleiben am Ende nur die Teilzeitjobs. Von Sozialhilfe leben könnten ohnehin nur diejenigen, die ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung besitzen, denn das Geld würde nicht ausreichen, selbst das kleinste Zimmer im teuren Pflaster Tokyo zu bezahlen.

Ich konnte nicht herausfinden, ob die Familie eines „Verschwundenen“ Sozialhilfe bekommt. Häufig lebt sie dann doch mit dem Mann und den Kindern zusammen in einer Zeltstadt.

Diese Zeltstädte sind, wenn man es genau nimmt, nichts anderes als Slums, aber  –  und das ist einmalig –  sehr gepflegte.

Auf der rasanten Fahrt im „Haruka-Schnellzug“vom Flughafen Osaka nach Kyoto sah ich sie für einen kurzen Moment in einem Park, der Ahorn glühte noch tiefrot, der Boden war bedeckt mit einem Teppich von Gingko-Blättern. Sie, die Obdachlosen,  hatten regelrecht vom Park Besitz ergriffen, hatten zwischen den Bäumen blaue Plastikzelte aufgeschlagen und saßen werkelnd oder mit Kochen beschäftigt davor, einige, vor allem Männer, saßen lazy am Teich, Kinder spielten um sie herum. Unter einem Wasserhahn an einem, wie mir schien, offiziellen Gebäude, stand eine mit Wasser halb gefüllte Badewanne. Das Ganze sah fast idyllisch aus. In welchen Film war ich plötzlich geraten? Eine Berbersiedlung! In Japan!!

Dann fiel mir ein, welches Wort vor 2 Jahren oft gefallen war, wenn Nakahashi-san  über das derzeitige Leben in ihrem Land und  auch über ihr Leben, sprach, das zwar noch zufriedenstellend, aber wirtschaftlich nicht mehr so glänzend wie früher war: HOMELESS  PEOPLE!

Kyoto, 15.12.1999

Sack und Pack

Rund um den kleinen, von einem hohen Gitter umgebenen Park vor unserem Hotel in Shinjuku, sah ich zwischen abgestellten Fahrrädern hier und da einige hohe mit blauer Plastik bedeckte „Objekte“, die ich für Stände „Fliegender Händler“ hielt, Marktstände, die einige Male in der Woche Essen oder Waren anbieten. Sie waren unbewacht, was mich nicht verwunderte. Wer sollte diese vermutlich roh gezimmerten Stände stehlen? Und überhaupt: Stehlen in diesem Land!? Erst als ich am zweiten Tag genauer hinsah, stellte ich fest, dass jene Stände nichts anderes waren als fein säuberlich nebeneinander und übereinander gestapelte Besitztümer, in Säcke gepackt oder ganz offen in Lücken gestellt, wie Kocher und Kochgeschirr, Einkaufsrollis, hier und da sogar, an den Packen gelehnt, ein Fahrrad. Die Eigentümer gingen während des Tages wahrscheinlich einer Arbeit nach. Abends sah ich einige von ihnen beisammensitzen, essen und reden. Einmal, an einem Abend gab es Streit, die Polizei kam, es wurde eine Viertelstunde debattiert, dann gingen einige Leute fort und Ruhe kehrte ein. Gab es hier so etwas wie „Stellplatzrecht“ und versuchte man von öffentlicher Seite, die „Besiedelung“ in einem bestimmten, nicht gar zu ausufernden Rahmen zu halten? Immerhin war es eine respektable Wohn- und Einkaufsgegend, mit einem (unserem) seriösen Hotel, mit ein paar guten Restaurants, einem schicken und teuren Café, einem Park, in dem Rentner morgens bei gutem Wetter die Zeitung lasen und Büroangestellte mittags ihren mitgebrachten Lunch aßen, sich sonnten, Gymnastik und Entspannungsübungen machten. Abends wurde der Park abgeschlossen.

Habseligkeiten sichten an einem "arbeitsfreien" Tag

Am letzten Tag sah ich einen Mann in zwar nicht recht zusammenpassender, aber sauberer Kleidung neben seinen Besitztümern, seinem „Heim“, sitzen oder herumwerkeln, umräumen, seine Kleidung zum Lüften oder Trocknen ausbreiten, sich eine Mahlzeit kochen, mit Anwohnern reden. Er machte einen ganz entspannten Eindruck, so, als verbrächte er einen/seinen freien Arbeitstag. Das Einzige, was ihn ärgerte, waren die Tauben, die von Zeit zu Zeit im Schwarm über seine Behausung flogen oder sich auf ihr niederlassen wollten. Mit In-die-Hände-Klatschen und –vermutlich – Fort-mit-euch-Schreien verjagte er sie. In der Nacht darauf gab es ein heftiges Gewitter mit so starkem Regen, dass die Gleisstrecke für die Superschnellzüge HIKARI und KODAMA zwischen Yokohama und Tokyo überflutet war. (Und so gab es tatsächlich auch einmal Verspätungen im stets pünktlichen japanischen Zugverkehr!) Jedes Mal, wenn ich vom Donner aufgeschreckt wach wurde, musste ich an den Mann in seinem Kisten- und Pappkartonheim denken. Er selbst wird Unterschlupf gefunden, aber sein Hab und Gut stark, vielleicht sogar unwiederbringlich, gelitten haben.

Homeless

Und auch an eine andere Person musste ich denken, Mann oder Frau konnte ich nicht entscheiden. An einer weniger sichtbaren Stelle des Parks, gegen das Außengitter gelehnt, hatte sie auf einem Mäuerchen gesessen, in sich zusammengesunken, die Mütze ins Gesicht gezogen und, abgesehen von drei Taschen, ohne Besitztümer. Eine Elendsgestalt, im wahrsten Sinne des Wortes homeless.

P.S. Zeltsiedlungen in größeren Parks haben wir in der begrenzten Zeit in Tokyo  nicht gesehen, nur bestimmte Bezirke, in denen die „furoshas“, so wie diejenigen in der Nähe unseres Hotels, neben ihren zusammengeschnürten Besitztümern lebten. Ohne sich um deren Anwesenheit zu kümmern, mitten durch ihren Bezirk hindurch,  gingen Spaziergänger, auch Mütter mit Kindern an der Hand oder im Kinderwagen durch den Park, Fotoshootings von Models  fanden statt und Jogger liefen ihre Strecken ab.

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Über gretagodberg2010

Ich bin Schriftstellerin und Reisende. Mein sogenantes zweites Heimatland ist Japan. Im meinen Artikeln möchte ich jenseits von purer Exotik das "ganzheitliche Leben" hinter dem sprichwörtlichen Bambusvorhang vermitteln, die Normalität der Menschen in ihrer Fremdartigkeit.
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