Juli 2018 – Unwetterkatastrophe in Japan

Meine in Tokyo lebende Freundin Hi-san fährt einmal im Monat in ihre Heimatstadt Okayama, um nach ihrem inzwischen verwaisten Elternhaus zu sehen. So auch in diesem Juli. Das Haus, im altjapanischen Stil vorwiegend aus Holz errichtet, liegt in einem recht großen Garten. An Haus und Garten entlang schlängelt sich ein Bach, über den vom Garten aus eine Brücke in die Siedlung führt: idyllisch!

Als Hi-san am 3. Juli nach 2 Tagen Aufenthalt, immer verbunden mit viel Arbeit drinnen und draußen, nach Tokyo zurückfuhr, schrieb sie mir: Ein Taifun folgt unserem Zug. Das klang neutral und nahezu normal. Von Anfang/Mitte Juni bis etwa Mitte Juli herrscht in Japan Regenzeit. In diesen Wochen kommt es zwischen Schönwettertagen oder -Stunden bei feuchtwarmer Hitze mal mehr, mal weniger oft zu heftigen Tropenschauern.

Hin und wieder gibt es auch erste Taifune. Anstatt, wie im Oktober über die Inseln hinweg zu stürmen, überschütten sie so früh im Jahr die Gegenden, die sie gerade passieren mit – zusätzlichen – Regenfällen. Zuweilen kommt es dann eher punktuell zu Erdrutschen oder Überschwemmungen.

So auch in unserem Viertel, als sich durch Starkregen Strauchwerk, Steine und Geröll vom Berg Daimonji lösten und zusammen mit einem plötzlich entstandenen Wildwasserbach die enge, zum Ginkakuji-Tempel führende Gasse durchschossen. Ein Stundenereignis mit anschließenden Aufräumarbeiten von zwei Tagen.

Somit war es für uns doch eine Überraschung, als am 6. Juli hiesige Medien von einer Unwetterkatastrophe in Japan berichteten, wie sie es seit 1983 nicht mehr gegeben hatte. Einige der Filme und Fotos erinnerten an diejenigen der Dreifachkatastrophe von 2011 (Erdbeben, Tsunami, Kernschmelze in Fukushima). Auch jetzt sah man verstörende Bilder: In Wassermassen oder Schlamm versunkene Städte und Dörfer, Häuser von den Grundmauern hinweg gerissen oder umgestürzt, Trümmer, Hausrat, Menschen, die sich durch die verwüstete Landschaft kämpften. Besonders betroffen waren der Westen der Hauptinsel Honshu, darunter die Provinzen Hiroshima und Okayama, aber auch einige Regionen der Inseln Shikoku und Kyushu. Sogar Randbezirke von Kyoto, „unserer“ Stadt, waren nicht verschont geblieben. Obwohl etwa 70 000 Rettungshelfer rund um die Uhr im Einsatz waren, blieben die Einwohner abgelegener Orte tagelang ohne Wasser, Strom und Verpflegung. Fazit: ca. 200 Tote, zahlreiche Verletzte und Tausende, die Hab und Gut verloren hatten und in Evakuierungszentren ausharren mussten (und müssen). Dazu viele in einer Kombination von Schock und Hitze Erkrankte.

Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Japan lag zum Zeitpunkt der sich anbahnenden Katastrophe meteorologisch gesehen fest in der Klammer zweier Hochdruckgebiete im Norden. Sie blockierten den Weg des Taifuns und brachten zusätzlich zu den „normalen“ Niederschlägen der Regenzeit zwischen dem 3. und 7. Juli sintflutartige Regenfälle. In einigen Bergregionen wurde innerhalb kurzer Zeit eine Regenhöhe von 1,8 m gemessen.

Unmittelbar auf das Unwetter-Desaster folgte eine extreme Hitzewelle. Die Temperaturen liegen seither je nach Provinz zwischen 35 und knapp 40 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 80%. Das Hochwasser ging zwar zurück, der Schlamm trocknete, aber die Reinigungs- und Aufräumarbeiten sind längst nicht abgeschlossen.

Meine Freundin konnte aus Krankheitsgründen erst eine Woche nach der Katastrophe in ihre vom Hochwasser stark betroffene Heimatstadt fahren. Sie schrieb mir:

Ich war gestern in Okayama, um nach meinem Elternhaus zu sehen. Das war SEHR SCHLIMM! Das 40 – 50 cm Hochwasser hat unser armes altes Haus überschwemmt. Alle Zimmer waren total schlammig, natürlich durch die Hitze in diesen Tagen zum Teil fast trocken, aber auch verschimmelt. Die Waschmaschine und die Gasflasche standen schief und sogar schwere Sachen im Garten sind bis zur gegenüberliegenden Seite geschwommen. Das alles entsetzte mich so sehr, dass ich mit dem letzten Shinkansen (d.h. fast umgehend mit dem Superschnellzug) nach Tokyo zurück gefahren bin.

Ich fragte sie, ob sie Fotos vom, wie sie es bezeichnet „kontaminierten“ Haus gemacht hat. Ich hätte sie der Anschaulichkeit halber gern in diesen Artikel eingestellt. Ihre Antwort lautete: Ich war so schockiert, dass ich an Fotos nicht gedacht habe. Und sie wies mich darauf hin, dass es viel schwerwiegendere Zerstörungen im Land gab und immer noch gibt, als die Verunstaltung ihres Elternhauses.

Anders als diejenigen, die ihr Heim verloren haben, sind unsere Freunde, Hi-san und ihr Bruder, nicht gezwungen, fern von Tokyo im Okayama-Haus zu leben. Sie hatten ohnehin vor, es über kurz oder lang zu verkaufen. Die Katastrophe hat sie in ihrem Vorhaben noch bestärkt. Das heißt aber nicht, dass es ihnen und besonders Hi-san, leicht fallen wird, sich von ihm zu trennen. Und es bedeutet auch, dass sie es partiell vom inzwischen knochentrockenen Schlamm reinigen müssen, um den Haushalt auflösen zu können und zu entscheiden, was sie von der Hinterlassenschaft behalten möchten, sei es aus persönlichen Gründen oder aus Pietät den verstorbenen Eltern gegenüber.

Zu O-Bon, dem japanischen Totenfest Mitte August, an dem der Vorstellung nach die Verstorbenen für einige Tage in die diesseitige Welt zurückkehren, um unsichtbar-anwesend unter ihren Lieben zu weilen, werden die beiden wie jedes Jahr nach Okayama zum Elternhaus fahren. Sie werden ihnen zum Willkommen und zwei Tage später zum Abschied ein Leucht-Feuer entzünden und als Wegzehrung ein Schiffchen mit von ihnen geliebten Speisen herrichten. Ein Priester wird vor dem Ahnenaltar Gebete sprechen, vielleicht zum letzten Mal. Sobald sich ein Käufer für das Haus gefunden hat, werden sie den großen und prächtigen Altar, in dem Ahnen mehrerer Generationen namentlich ihren „Sitz“ haben, in einer Zeremonie im Tempel verbrennen lassen.

Ich denke, in diesem Jahr werden vor allem diejenigen, die bei der Katastrophe Familienmitglieder oder Freunde verloren haben, das O-Bon-Fest besonders intensiv erleben und begehen.

Was Katastrophen und erschwerte Lebensbedingungen betrifft, so hat meine Freundin einmal halb im Scherz, halb im Ernst gesagt: Wie kann man es eigentlich in diesem Land aushalten: Erdbeben, Taifune, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Erdrutsche, die jährliche feucht-heiße Regenzeit, den extrem heißen Sommer, die kalten Winter in unseren „Holz- und Papierhäusern“? Wie bloß? – Du musst halt auswandern, habe ich vorgeschlagen.

Wir haben gelacht! Sie, die hochsensible Künstlerin mit dem Samurai-Herzen, würde bei aller Weltläufigkeit und aller Unbill ihre Heimat Japan natürlich niemals verlassen.

P.S. Die Fotos aus den jap. Überschwemmungsgebieten (Foto 1 und 5) entnahm ich dem Beitrag in Tagesschau.de vom 9.7.2018. Vielen Dank!

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Konnichi-wa – Leben in Köln mit „Kyoto um die Ecke“

Anfang Februar sind wir aus Japan zurückgekehrt. In meinem letzten Blogeintrag schrieb ich in Anlehnung an ein mittelalterliches, auf die Stadt Innsbruck bezogenes Lied, als ersten Satz „Kyoto, ich muss dich lassen“… Es war ein netter Aufhänger für einen insgesamt eher informativen Abschieds-Artikel, in dem außer dem Hinweis auf unsere Verbundenheit mit der Stadt, mit Japan überhaupt, nichts auf einen großen Trennungsschmerz hinweist. Und sehr groß war er tatsächlich nicht. Ich freute mich auf die Rückkehr ins heimatliche Köln, auf das Wiedersehen und Zusammenleben mit Familie und Freunden, auf altbekannte Aktivitäten, und war im Übrigen froh, der japanischen Winterkälte drinnen und draußen entfliehen zu können.

Und doch, so wohl ich mich daheim auch fühlte, die große helle Wohnung samt Zentralheizung in allen Räumen, mein Westernstyle-Bett nach fünf Monaten „Bodenschlafen auf Futons“ (der winterkalten Erde so nah!) genoss, dazu mein Zimmer, meinen Schreibplatz, mein Schreiben selbst, das nur noch eingeschränkt mit Japan zu tun hatte und lesen, lesen – hat Japan uns über Wochen, ja eigentlich bis vor Kurzem nicht losgelassen. Drei Monate lang! Wir hatten unser Leben dort, vor allem in unserer zweiten Heimatstadt Kyoto, in all seiner Vertrautheit so verinnerlicht, dass es uns oft vorkam, als läge die Stadt ganz einfach „um die Ecke“. Als könnten wir, wenn es uns plötzlich in den Sinn kam, spontan und selbstverständlich „rübergehen“: zu einem Sonntagsspaziergang über den Tetsugaku-no-michi, den Philosophenweg, mit Kaffetrinken in unserem „Tantencafé“, Inhaberin eine typisch überfreundliche, höfliche und betriebsame Kyotoer Geschäftsfrau; im Kiyumizu-dera-Tempel, Tempel des klaren Wassers, nachschauen, wieweit die Restaurationsarbeiten am Hauptgebäude vorangekommen sind und gleichzeitig die vielen jungen Chinesinnen zählen, wenn sie, dank zahlreicher Kimono-Verleihgeschäfte japanisch eingekleidet, tollpatschig die Treppe zur Pagode hochsteigen; oder vielleicht im kleinen Nishiki-Tenmangu-Schrein nahe der Einkaufsstraße Teramachi-dori zum Gebet die Glocke anschlagen und anschließend dem goldenen „Weisheits-Stier“ über Kopf und Hörner streicheln; und was das Essengehen betrifft: Tempura-Lunch im Restaurant Hashimoto nehmen oder heute doch lieber Pasta-Lunch bei Donq? – Ach so, geht ja nicht mehr eingedenk „Kyoto ich muss dich lassen“. Vorbei! Vorbei! Na gut, fahren wir halt nach Schloss Burg/Solingen im Bergischen Land zum Waldspaziergang mit anschließendem Waffel-Essen.

Aber vor 3 Wochen lag Japan dann doch „um die Ecke“. Fast zeitgleich mit den Japanern drüben brauchten wir nur fünf Minuten, um von unserem Heim hier zum Hanami zu gehen, das heißt, die Kirschblüte bewundern, in einer Allee, die zumindest ein wenig und ein stückweit dem berühmten Kyotoer Philosophenweg gleicht – wenn man von dem „Philosophen-Flüsschen“ absieht, in dem sich die prachtvoll entfalteten Blüten widerspiegeln.

Und noch etwas ist anders. Die hiesige Allee liegt in all ihrer Schönheit einsam da, während sich in Japans Alleen, Tempeln und Gärten die Besucher freudig und festlich gekleidet mit nicht endenden wollenden Oh-und Ah-Ausrufen von allen Seiten zusammendrängen oder unter Kirschbäumen niedergelassene Familien, Freunde, Pärchen ihr Picknick samt Bier oder Reiswein genießen, und zuweilen weinseelig Lieder zum Lob der Kirschblüte anstimmen. Ich habe überlegt, was ich vorziehe, und bin zu der Ansicht gekommen, dass ich mich doch lieber in die Runde der Festbesucher einreihen würde – am Ort des Ursprungs, in Japan! – In der Bonner Altstadt hätten wir im Besucherstrom aus aller Welt das – adaptierte – Hanami erleben können. Etwa 10 000 Besucher, so die offizielle Angabe, drängen sich tagelang im Bewunderungslärm Selfie-schießend durch die von voll erblühten japanischen Kirschbäumen bestandenen Straßen. Einige Bewohner des Bezirks nennen diese „Pilgerschaft durch den Traum in Pink“ allerdings Spektakel oder gar Ärgernis. Wir haben auf dieses Kirschblüten-Event verzichtet. (Siehe auch: Kirschgarten Kyoto 2015)

In den letzen drei Wochen „drüben“ haben wir in klirrender Januarkälte zum Hello-Good-Bye-Sagen noch einmal unsere Lieblingsplätze aufgesucht, mit kurzen Verweilpausen und dick eingemummelt. Sind für 2 Tage nach Osaka gefahren, um ein weiteres Mal ins berühmte Bunraku-Puppen-Theater zu gehen (s. Bem. unten *).

Haben uns – was längst überfällig war – halb per Aufzug, halb per glasüberdachter, über fünf Stockwerke reichender Schöne-Neue-Welt-Rolltreppe mit tunnelartiger Überdachung zur Aussichtsterrasse des Umeda-Sky-Buildings, Osakas Twin-Tower-Gebäude, „aufgeschwungen“, um mit Touristenschwärmen und dazu gehörigem Sprachbabel die Stadt und den Sonnenuntergang von oben zu betrachten. Ausklingen ließen wir den Abend schließlich in Osakas hell erleuchteter Unterwelt, in einem der vielen Cafés von San-Ban-Gai bei Springbrunnengeplätscher und – fast – ohne Touristen.

Blieben in der verbleibenden Zeit noch die Sayonara-Veranstaltungen. Eingeladenwerden zu Treffen und – vor der Hauhaltsauflösung – selbst einladen, ins Café oder zu uns ins inzwischen durch einige Neu-Erwerbungen verschönerte Heim:

Einladung für Freunde und Wirtin in unser Apartment in Hakuginso

die Freunde aus Osaka, unsere Wirtin, die Freundin aus Tokyo. Außerdem zogen wir natürlich zur Aufwiedersehens-Runde „um die Häuser“, sowohl in unserem Viertel als auch in der Stadt, durch Geschäfte, Restaurants. Und in diesem Zusammenhang erwartete uns eine echte Überraschung. In „unserem“ kleinen gemütlichen „italienischen“ Bahnhofscafé Espressamente, in dem wir aufgrund unserer vielen Reisen: Aufbrechen, Zurückkehren, Freunde abholen und zurück zum Zug bringen! Stammkunden geworden waren, legte uns einer der jungen Kellner zusammen mit der Rechnung leicht verlegen einen Umschlag auf den Tisch. Zwischen ihm und uns hatte die Chemie von Anfang an gestimmt. Wir konnten augenzwinkernd zusammen lachen, scherzen, ein paar Brocken Japanisch, ein paar Brocken Englisch, wobei er stets eine herzlich-respektvolle Haltung wahrte. Kurz gesagt, wir mochten einander, hätten uns aber trotzdem nicht träumen lassen, dass wir zum Abschied ein „Liebesbriefchen“ von ihm erhalten würden.

Was heißt Briefchen? Im Umschlag steckten zwei Notizblockzettel, beschrieben mit Sätzen aus einem japanisch-englischen Übungsheft. Der liebevoll zusammengestellte Text lautete: Sie waren immer gut zu mir. Ich bin dankbar. Ich wollte so gerne viel Englisch mit ihnen sprechen. Leider kann ich kein Deutsch. Ich werde Sie vermissen, aber ich bin glücklich, dass wir uns getroffen haben. Ich werde es nicht vergessen. Ich gebe (gab) mein Bestes. Und last not least: I wish you well!! – Shotaro-san, dein Brief war einer der anrührensten, den wir in Japan erhalten haben. Wir wissen, dass es dein Traum ist, einmal Italien zu besuchen. Wenn dir das gelingt, musst du auch nach Köln kommen. Oder du musst eingedenk des Innsbruck-Liedes auf ein Wiedersehen mit uns in Kyoto warten, „bis dass ich wiederkumm“! Bis WIR wiederkommen. Tabun – vielleicht!

Zwei Tage vor unserer Abreise, am 31.1. war unser Haus am Morgen in Schnee eingebettet. Später, am gleichen Tag, entdeckten wir beim Souvenir-Einkauf auf der Shin-Kyogoku-Straße im Nishiki-Tenmangu-Schrein die ersten Pflaumenblüten. Ist diese Synchronizizät nicht so etwas wie ein gutes Omen?

 

*Anmerkung zu Bunraku: Im Bunraku-Puppentheater werden in großem Rahmen vorwiegend altjapanische, von berühmten Dichtern geschriebene Theaterstücke aufgeführt. Die fast lebensgroßen, sehr beweglichen Puppen – Kopf, Gesicht mit Augen, Brauen, Mund, Arme und Beine – müssen von drei Spielern geführt werden. Synchron zum Spiel trägt ein Erzähler (Rezitator). der auch gleichzeitig Sprecher aller Rollen ist, die Geschichte vor, zeitweise begleitet von einem Shamisenspieler. Das Bunraku gilt als Weltkulturerbe. Einigen Puppenführern, Rezitatoren und Shamisenspielern ist vom japanischen Staat der Titel “Lebender Staatsschatz“ verliehen worden.

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Aktuelle Notiz vom 1. Februar 2018

Kyoto, ich muss dich lassen … dieser auf Innsbruck bezogene Satz des mittelalterlichen Liedes kam uns in den Sinn, als wir heute im Taxi zum Bahnhof fuhren, um den Zug nach Osaka zu nehmen und morgen, am 2. Februar 2018 – hoffentlich ausgeschlafen im flughafennahen Hotel – den Flieger zurück nach Deutschland. Die nahezu 5 Monate in Japan waren nicht nur reichlich angefüllt mit interessanten Erlebnissen, Begegnungen und Freundestreffen, sondern nach dem nun fünften längeren Aufenthalt so intensiv heimatlich, dass ich mir im Augenblick kaum vorstellen kann, nicht mehr hier zu sein. Nicht mehr die vertrauten Wege in der näheren und weiteren Umgebung entlang zu gehen, hier und dort vorbeizuschauen, „hello“ (konnichi-wa) zu sagen oder in einen der Schnellzüge zu steigen und nach „irgendwo“ zu fahren.
Leider regnete es und zwar unentwegt, was ich geradezu als eine „Frechheit“ empfand, da gutes Wetter vorhergesagt war. Dann jedoch fiel mir ein, dass es an dem Tag regnete, als ich (vor gefühlt 100 Jahren) nach monatelanger Reise durch den Nahen und Fernen Osten, Indien eingeschlossen, zum ersten Mal nach Kyoto kam und mich sofort, beim Blick auf die weitgeschwungenen, vor Nässe glänzenden anthrazitfarbenen Dächer des Higashi-Honganji-Tempels, in die Stadt verliebte. Dass ich wusste, in einer zweiten Heimat angekommen zu sein. Somit, dachte ich heute im Taxi, schließt sich der Kreis.
Alle, von denen wir uns verabschieden, sagen: Mata, ne! Bis bald! Und wir wiederholen es: Mata, ne! Heißt doch der letzte Satz des oben erwähnten Liedes „… bis dass ich wiederkumm.“ Vorsichtshalber fügen wir jedoch hinzu: Tabun! Vielleicht!

Trotz Temperaturen um oder unter Null erste Frühlingsboten: Pflaumenblüten

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Oh du fröhliche – Heilige Nächte und O-Shogatsu in Kyoto

Tagebuch unseres Familientreffens zu den Festtagen 2017/2018

23.12.2017 „Morgen Kinder wird’s was geben“! Unsere Kinder (Sohn und Schwiegertochter) hätten das Lied singen können, als sie am 23. Dezember nach ca. 20 Stunden Unterwegssein, mit leichtem Gepäck den Zielbahnhof Kyoto erreicht und uns jenseits der Sperre entdeckt hatten. Freude schöner Götterfunken: „Welch ein Jubel, welch ein Leben wird in unsrem Hause sein“ – abgesehen davon, dass der große Koffer mit der Winterkleidung, die wir ihnen wegen der gen Null Grad tendierenden Kälte wärmstens ans Herz gelegt hatten, nicht mitgekommen war. Die Nachlieferung sollte am nächsten Tag erfolgen. Nicht durch Santa-san, wie der Weihnachtsmann hier genannt wird (immerhin hat man ihm ein „heilig“ zugestanden: Herr Heilig!), sondern durch den Lieferdienst KURO NEKO, die „Schwarze Katze“, die – im Logo – ein Kätzchen im Maul trägt. Uhrzeit der Lieferung ungewiss.

24.12.2017 „Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen“! Sie brannten rund um den mit gefalteten Sternen aus Origami-Papier geschmückten Kiefernstrauß, fünf Zweige, 50 Euro, jeder Zweig für sich genommen ein eigenwillig gewachsenes Unikat, bestens geeignet für 5 Ikebanas, jetzt zusammengezwängt (doch schön!).

Wir warteten unter munterem, leicht gedämpftem Geplauder bei Kaffee und Kuchen (Pudding-Sahne-Kurismasu-Keki) aufs „Kling Glöckchen“, beziehungsweise ein japanisches Hallo: Sumimasen! durch die mit Klack-Tack-Lauten aufgerissene Haus-Schiebetür. Überhörten es trotz immer wieder angespanntem Lauschen, erst das Quietschen der Kofferräder im Eingangsbereich – Kuro-Neko-Santa-san hatte wegen unserer Taubheit Eigeninitiative ergriffen und war eingekehrt – verkündete uns, dass die Bescherung bevorstand, nichts war, wie befürchtet, verlorengegangen: Winterkleider, ein Säckchen mit leckeren Gaben aus dem Heimatland, meine alte wollene Strickjacke fürs Haus, wir hätten zu Viert den Koffer umtanzen können, „Das Auge lacht, es lacht das Herz, oh fröhlich seliges Entzücken“. Wir waren in Partystimmung und verschoben die „Stille Nacht“ auf den eigentlichen Weihnachtstag, aßen Christstollen, probierten Lebkuchen und Marzipan, alles auf der Grundlage von Kartoffelsalat à la Casa mit Würstchen von Dallmayr (im Kaufhaus Takashimaya erstanden), plauderten erinnerungsselig weiter, lachten und hörten übers Notebook einen weihnachtlichen Musikmix: Von Bing Crossby‘s „White Christmas“ über James Lasts „Oh little town of Bethlehem“ zu Montserrat Caballés Bolero, der Granada und die Sierra Nevada preist, Kastagnetten inbegriffen. „Tochter Zion“ musste warten – obwohl, wir hätten es durchaus noch gen Ende schmettern können!

25.12.2017 „In dulci jubilo, nun singet und seid froh“! Wir waren es, gleicher Kiefernstrauß, neu aufgesteckte Kerzen, „Heiligste Nacht“. Allerdings war es später Nachmittag, als wir die traditionellen Weihnachtslieder zu singen begannen, mit festen Stimmen und wohlerprobt in der Intonation, auch wenn der eine hin und wieder zwecks Texterinnerung das Smartphone zu Hilfe nehmen musste, der andere den Text durch vortastendes Lippenlesen erriet. Die Nachbarn in ihren so dicht an unser Domizil gebauten Häusern waren gezwungen uns zuzuhören, christliche Lieder in einem buddhistisch-shintoistischen Land. Ob es ihnen gefiel? Überflüssige Frage. Wir genossen es. Auch wenn wir unser himmlisches „Engel auf den Feldern“ nicht mehr wie früher (die Mutter, der Sohn) wie die Engel selbst mit lieblichem Sopran, sondern in einer mittleren Stimmlage singen konnten und unser „Gloria“  (vielleicht etwas ungeübt) zittrig geriet – ich glaube wir haben uns ganz gut eingesungen, bevor wir schließlich einige (wenige) Geschenke tauschten und kurz darauf zum Christmas-Dinner in eines unserer favorisierten Restaurants fuhren. Ein Wohlfühlort, das Haus ebenso wie der es umgebende japanisch gestaltete Garten, das ganze Anwesen im traditionell japanischen Stil der 20er Jahre von einem berühmten Maler als Wohnsitz und Atelier erbaut. Nahe der – in dieser Zeit am Abend erleuchteten – Gion-Pagode gelegen ein echter Blickfang, Eintritt in eine andere Welt. Drinnen eine wohltuend ruhige Atmosphäre, sorgsame, geschulte Bedienung. Und so ließen wir es uns wohl sein während des langen Mahls mit vielen Gängen und mit dem Blick auf einen erleuchteten Bambushain, in dem durchaus eine Krippe hätte stehen und wir „Oh du Fröhliche“ hätten singen können. Ein Weihnachtsgeschenk! Nach dem Essen, angenehm durchgewärmt gingen wir noch durch die schmalen, menschenleeren Gassen des Gion(Geisha)Viertels zum Yasaka-Schrein, um am Hauptgebäude unsere „Glückstaler“ (5 Yen/Cent) in den dafür vorgesehenen Kasten vor dem Altar zu werfen, die scheppernde Gebetsrassel zu rütteln, in die Hände zu klatschen: hört mich an, IHR dort oben, shintoistisch oder christlich! Aber uns war es in der abendlichen Eisluft doch so unerwartet kalt geworden, dass wir durch den von Lampions erleuchteten Schrein-Bezirk eilten, uns in ein Taxi kuschelten und heimfahren ließen. Heim! Jetzt zu Viert in Kyoto daheim: Frohe Weihnachten!

26.- 31. 12.2017 „Laufet ihr Hirten, lauft alle zugleich, nehmet Schalmaien und Pfeifen mit euch.“ Schalmaien hätten wir zwar hin und wieder gerne gehört, mit dem Laufen, zumindest alle zugleich, hatten wir, “Die Eltern“, es während der Heiligen Nächte nicht gar so arg. Zwischen Spaziergängen über den u.a. wegen seiner Kirschbäume im Frühling berühmten Philosophenweg oder zum steinernen Buddha, genossen wir die Zeit mit Lesen, Kerzen-Kaffee-Stündchen und Gedenken in vielerlei Richtungen in meditativer Ruhe. Die „ Kinder“ hingegen eilten – „Sehet die Hirten wie eilig sie sind“ – zwar nicht nach Davidstadt, sondern mit Expresszügen in die schneereichen Japanischen Alpen, u.a. der Stadt Shirakawa-go entgegen, deren strohgedeckte Häuser mit steilspitz zulaufenden Dächern Japaner an betende Hände (Gassho-zukuri) erinnern. Nach zwei Tagen, dem nicht nur leise, sondern kräftig herabwirbelnden Schnee den Rücken kehrend, zogen sie Richtung Süden, hin zum Kraterrand des Vulkan Fugen-dake und zu den blubbernden Höllenquellen der Stadt Unzen. Pünktlich um 15.00 Uhr am 31.12. trafen wir uns, wie verabredet, in unserem Heim Hakuginso, um gemeinsam das wichtigste Fest Japans zu feiern: O-Shogatsu“.

31.12.2017/01.01.2018 „Süßer die Glocken nie klingen“! Auch in Japan wird das Neue Jahr mit Glockenläuten begrüßt. Aber süß? Mit diesen in pavillonartigen Gebäuden aufgehängten großen Glocken? Glocken, die man mit einem freischwingenden Klöppelbalken von außen anschlagen muss? Die Glocke des Chion-In-Tempels, die größte Glocke Japans, 3,3 m hoch und 70 Tonnen schwer, wird von 17 Mönchen in einem gemeinsamen Kraftakt zum Klingen gebracht, und der Ton, sobald die Balkenspitze das Glockenauge trifft, ist alles andere als süß. Er ist körpererschütternd, dunkel, klingt lange nach. Das Glockenschlagen ist ein Ritual zur Austreibung von Verhaftungen und „Leiden“schaften – aufgelistet 108 – die Menschen nach buddhistischer Vorstellung daran hindern, frei und glücklich zu leben und verantwortlich zu handeln. Siehe O-shogatsu 2011  und auch O-shogatsu 2014 !

Wir haben dieses Ritual im Chion-In-Tempel zwei Mal in den letzen 17 Jahren miterlebt, mussten jedoch feststellen, dass es zum großen Event geworden ist mit Warten in langer breiter Schlange für ein am Ende kurzes Umrunden der Glocke und – vielleicht – einen Schlag. Wir waren uns einig, darauf zu verzichten und uns stattdessen in „unserem“ nahegelegenen Shinnyodo-Tempel selbst ins neue Jahr zu schlagen, was unter Aufsicht der Mönche seit einiger Zeit möglich ist.

Natürlich, das halb fröhlich-erregte, halb ernsthafte Treiben im festlich erleuchteten Gion-Schrein wollten wir uns vorab nicht entgehen lassen:

Lodernde Feuerstellen an denen man sich mittels langen Schnüren Neujahrsfeuer für den heimischen Herd holen kann, Verkäufer, die ihre – ausladende – Schnur-Ware anbieten, Stände mit Amuletten und/oder Horoskopen und nicht zu übersehen die große Tafel mit Inu-san, dem chinesisch-japanischen Horoskop-Tier des neuen Jahres: Seine Majestät „Herr Hund“. Dazu über allem Zeremonialmusik: Gagaku – Klänge des Himmels! und Stimmengewirr in allen Tonlagen und – inzwischen – aus vieler Herren Länder. Im angrenzenden Maruyama-Park jenseits all der Stände für Esswaren und Leckereien, schlürften wir (darf man, soll man!) im Chion-In-Café die besonders langen Toshikoshi Nudeln, Glücksbringer, und brachen dann per Taxi auf zum Shinnyodo-Tempel, zum Joya-no-Kane, Silvester-Glockenläuten.

Der Tempel lag abgedunkelt da und wir fürchteten schon … ja, das wär‘s dann wohl gewesen! … Aber NEIN, näher gekommen sahen wir das Hauptgebäude erleuchtet, und vor dem nach allen Seiten hin offenen Glockenhaus – mit der von uns seit unserem ersten Japanaufenthalt geliebten und bewunderten Glocke – standen schon einige Wartende. Gute Chancen auf einen frühen Schlag, konstatierten wir. 2013 war uns zusammen mit vier anderen Besuchern der Sechsundsechzigste zuteil geworden. Heute waren wir näher dran.

Um Viertel vor Zwölf trafen die Mönche ein, Feuer und Weihrauch wurden um die Glocke herum entzündet, wir durften die Stufen zum „Glockenberg“ hochsteigen und um den inneren Bezirk herumgehen. Lauschten den Gebeten der Mönche, ihrem Gesang und hörten und sahen sie die Glocke schlagen, je nach Charakter oder Alter kräftiger oder weniger heraus“fordernd“. Stimmungsvoll war, dass zwischen den einzelnen Schlägen von fernher der Klang der Chion-in-Glocke herüberdrang: Glockenduett! Schon bald waren wir an der Reihe, zu Viert in Familienvereinigung.

Jeder erhielt eines der Balkenseile und mit Hin-und-Her-Schwingen und dem anfeuerndem Ichi-Ni-San-Ruf eines Mönches traf unser Balken bei SAN das blitzblanke Glockenauge. Das leider etwas missratene Foto des fotografierenden Mönches mit unserer Kamera zeigt uns nur mäßig erkennbar, dafür jedoch in Licht getaucht. Vielleicht nicht einmal zufällig, denn UNSER Schlag war (nach unserer Zählung!) der 18. Schlag ins Jahr 2018. Ein Glücksschlag?

Akemashite omedetou gozaimasu oder Yoi o-toshi-o!

EIN GLÜCKLICHES NEUES JAHR!

Auf dem Weg nach Hause fiel mir ein Haiku von Masaoka SHIKI (1867-1902) ein:

Erster Tag im Jahr
Nichts ist böse, nichts ist gut
Sondern alles – lebt!

01.01.2018 -7.1.2017  Es blieben uns noch einige gemeinsame Tage, an denen wir außer Familienstündchen mit gemütlichem Kaffeetrinken oder ausgedehnten heiteren Abendessen, mal zu viert, mal zu zweit,

altbekannte Plätze, insbesondere Tempel und Schreine besuchten – aus den Schreinen jedoch nach kurzem Umherschauen sowohl wegen der zum Neujahrsgebet, als auch zum Erwerb von Amuletten oder Horoskopen in Massen Anstehenden flohen,

statt dessen freudig zur Neujahrsvorstellung ins Bunraku-Theater in Osaka eilten, dem berühmten japanischen Puppentheater mit – fast – lebensgroßen von drei Spielern bewegten Puppen zu einer meisterhaft von einem Erzähler (in allen Rollen) vorgetragenen Geschichte,

schließlich gute Freunde zum Neujahrsdinner trafen  –  zu einem entspannten, lachfreudigen Abend,

das Lachen uns am Abreisetag unserer Lieben allerdings fürs Erste im Hals stecken blieb, da uns aufging, dass jemand:

der ohne Koffer einreist, sich nicht wundern muss, wenn auch die Ausreise mit Tücken verbunden ist. Wegen eines Unfalls war der Zugverkehr zum Flughafen eingestellt. Der Taxifahrer, den wir schließlich „anheuerten“ und dem wir ans Herz legten, im Land der erlaubten 80 km/h auf Autobahnen bitte doch mit „gutem Blick“ auf die Uhr zu fahren, übertraf sich selbst: Mit teilweise 130 km/h jagte er die Strecke entlang, was im Allgemeinen nur einer bestimmten „Paten-Gruppierung“ nachgesehen wird. (Es war allerdings ein Sonntag!) – Und so erreichten die beiden ihr Flugzeug pünktlich und konnten bei herrlichem Winterwetter zu ihrer Überraschung über die japanischen Alpen hinweg in der Ferne den Hehren, Majestätischen auftauchen sehen: FUJI-SAN!

Der FUJI-san hinter den jap. Alpen am HORIZONT

Welch Glück in den ersten Neujahrstagen!

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Am Ende des Jahres 2017 – Festtagsgrüße aus Fernost

Aus Kyoto, der ehemaligen Kaiserstadt Japans, deren Bewohner es manchmal leid sind, einzig mit traditionellem Leben gleichgesetzt und – exotisch – als Bewahrer der tausend Tempel, Schreine und Gärten gesehen zu werden, grüße ich meine Leser und Follower zum Jahresende mit dem Foto eines grandiosen modernen Bauwerkes, dem Hauptbahnhof „KYOTO EKI“!

Kyotos moderner Hauptbahnhof mit besonders großem Tannenbaum zum 20. Jahrestag der Eröffnung

Folgt mir aus dem vom Architekten Hiroshi Hara imaginierten Teich der großen Halle über die herabstürzenden Wasserfälle der Rolltreppen – blitzblankes Edelmetall – hinauf zum Himmelsgewölbe aus Stahl zum Top. Mit Blick über Kyoto wünsche ich euch allen – jenen, die mich jetzt begleitet haben und jenen, die mir durch das vergangene Jahr lesend und „like“nd in Gedanken gefolgt sind,

Ein Frohes Weihnachtsfest

Und mit Blick in die Weite über Kyoto hinaus:

Ein glückliches, gesundes und unternehmungsfreudiges NEUES JAHR 2018

im Zeichen des HUNDES als zuverlässigem und treuem Gefährten

Schreibende und in anderen Bereichen „Kreative“: Lasst die Jagdhunde los und macht nach gutem Fang erfolgreich „SITZ“.

Mit Dank für euren Mit-Blick über den japanischen Bambuszaun, herzlich

Greta Godberg

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Am „Ende der Welt“ – Besuch bei Taiko in Nordjapan

Als der Sarg meiner Mutter aus dem Haus getragen wurde, flogen die Schwalben, deren Nester sie immer im Eingang des Hauses geduldet hatte, eine Runde um Haus und Garten, dann kehrten sie in ihre Nester zurück.

Diese kleine Begebenheit erzählte mir meine in Deutschland lebende Freundin Taeko, kurz nachdem sie von der Beerdigung ihrer Mutter aus Japan zurückgekehrt war. Sie erzählte es in einem solch emotional eindrücklichen Ton, dass mir der vorgestellte Dank der Vögel an ihre Wohltäterin nicht nur einleuchtete, sondern auch unter die Haut ging. Im diesem Augenblick, vor Augen das Gesicht der alten Vogelflüsterin, dazu das Bauernhaus, die Reisfelder, die Berglandschaft des japanischen Nordens, entschloss ich mich, Taeko während ihres nächsten Heimataufenthaltes in ihrem 40-Seelendorf Himekayu zu besuchen.

Und da waren wir, Ende Oktober, leuchtendes Herbstlaub in den umliegenden Bergen, von deren Höhen Nebelwolken stimmungsvoll wie auf japanischen Tuschebildern zu Tal schwebten. Vor zwei Tagen noch schwelgten wir im goldwarmen Altweibersommer, dann, über Nacht wurden wir in die Eiszeit katapultiert. Doch als wir kurz vor Sonnenuntergang aus dem geheizten Auto stiegen, Taeko und Bernd, die aus dem Haus stürzten, glücklich umarmten – es hatte einige Verirrungen auf dem Weg gegeben – spürten wir die Kälte noch nicht. Ah, frische Bergluft, schön!

Ich staunte über das Bauernhaus, das sich nicht, wie in meiner Vorstellung klein, sondern mit inzwischen vielerlei Anbauten als ein recht großes Anwesen entpuppte, vor der Tür Landwirtschaftsgeräte und Fahrzeuge. Ohne große Verbeugungszeremonie, beinahe wie alte Verwandte, wurden wir von Toshiro, Taekos ältestem Bruder, der jetzt mit seiner Frau Satoko das Erbhaus bewohnt, empfangen. Herzerwärmend! Freundlich! Allerdings – die Slipper am Eingang: bis zum Zusammenzucken aller Muskeln kalt. Die Straßenschuhe vor Betreten des Hauses aus- und Slipper anzuziehen ist in Japan ein Muss. Selbstverständlich entschlüpfte uns kein Seufzer. Stoisch bestaunten wir die für japanische Verhältnisse großen Zimmer, den weiträumigen Gang (Engawa) mit hellem, wie poliert wirkendem Holz. Am Ende des Ganges lag unser Tatami-Raum, liebevoll mit dicken Futons und Deckbetten zurechtgemacht. Wir stellten das Gepäck ab, verzichteten aber vorerst darauf einzutreten, das hätte geheißen, die inzwischen leicht vorgewärmten Slipper wieder auszuziehen und vor der Tür abzustellen. Schon jetzt, nach dem kurzen Rundgang meldeten unsere Füße: Vorsicht, Schnupfenteufel! (Für nicht Eingeweihte: Allein über Holzböden kann man in japanischen Häusern mit Slippern laufen, Tatamizimmer nur „bloßfüßig“ betreten. Da es für die Toilette noch extra Schuhe gibt, ist es ein ewiges Schuhe an- und ausziehen).

Natürlich mussten wir nicht wirklich leiden. Wohnraum und Küche waren mit Heizlüftern gut durchgewärmt. Beim Tee am Kotatsu, einem niedrigen beheizten Tisch, unter dem man die Füße ausstrecken und sich bis zur Taille in die am Tischrand befestigte Decke kuscheln kann, wichen die Reste erster Unterkühlung sehr schnell.

In munterer Gesellschaft, mit Lachen und Geplauder, genossen wir später ein üppiges Abendessen mit Sushi, Sashimi und anderen bekannten und unbekannten Gourmetspeisen von Sato-san, die als hervorragende Köchin im Ort gerühmt wird, zubereitet. „Höhepunkt“ des Abends war ein Stein-Schere-Papier-Spiel, bei dem es darum ging, das letzte mit besonders zartem Muschelfleisch belegte Sushi zu gewinnen. Allerdings nicht als Extra-Leckerbissen, nein, der glückliche Gewinner musste es, ganz gleich wie zum Platzen gefüllt sein Magen auch war, ESSEN! Gewinner war der arme Rüdiger, der dieses Spiel sonst nahezu immer verliert. Highlife weit über die hier übliche Schlafenszeit hinaus! Erst als wir im Bett lagen, hörten wir es: klick, klick, rhythmisch gegen die Scheiben. Dann: Klatschen, Prasseln, Rauschen. Der von Meteorologen vorausgesagte Regen hatte pünktlich eingesetzt.

Trotzdem – der geplante Ausflug mit dem Auto rund um den Stausee, der die Region mit Elektrizität und Wasser versorgt – unabdingbar für die Reisfelder – fiel am nächsten Tag zwar nicht ins Wasser, verdunkelte aber die mit vielfältigem Herbstlaub über und über bedeckten Berge.

Gottlob jedoch nicht unsere Stimmung. Mit Aussteigen-Einsteigen, Schirme auf, Schirme zu, blieben wir beim Anschauen hiesiger Sehenswürdigkeiten in steter gymnastischer Bewegung. Mindestens zwei dieser Orte sind es wert, beschrieben zu werden, der eine erschreckend, der andere wie zum Ausgleich lustig.

Unerwartet und mitten in unser Geplauder hinein, hielt Toshiro an einer Gedenkstätte an. Wir stiegen aus und sahen, eingebettet in die schöne Landschaft – die Sonne zeigte sich für einen kurzen Augenblick – eine Brücke, deren eine Hälfte abgebrochen und wie an unsichtbaren Tauen gehalten ins Leere hing. Im Juni 2008 hatte es in der Region Tohoku rund um Iwate und Miyagi (Inland) ein Erdbeben der Stärke 6,9 gegeben. Es waren zwar „nur“ 12 Tote, aber viele Verletzte zu beklagen, dazu zahlreiche durch Erdrutsche zerstörte Häuser. Zum Glück war die Erweiterung des Stausees noch nicht abgeschlossen, der neue Damm, den wir jetzt umfuhren, zu der Zeit noch nicht fertiggestellt. Zahllose Dörfer hätten bei einem Dammbruch überflutet werden können. Was die halbierte Brücke betrifft, so waren die beiden Brücken-Teile wohl noch nicht fest miteinander verbunden gewesen.

Nach Anschauen der Informationstafeln und einem kurzen Gebet, schwiegen wir während der Weiterfahrt eine Zeitlang betroffen. Dass man in Japan immer mit Katastrophen solcherart rechnen muss, war uns wieder einmal beeindruckend vor Augen geführt worden. Die Stille hielt an, bis wir zur großen Attraktion der Gegend kamen: Zur Wildwasserschlucht Genbikei (nahe Ichinoseki und dem berühmten „Gold-Tempel“ in Hiraizumi) und damit zu unserer Raststätte am Wege, die Dango, eine aus Reismehl hergestellte und mit Sirup übergossene Süßigkeit anbietet.

Am jenseitigen Ufer, auf einem vorspringenden Terrain über dem Abgrund erhebt sich äußerst malerisch ein bizarrer, wie in „Kaskaden“ flusswärts stürzender Granitfelsen, auf dessen kleinem Plateau sich Ausflügler unter Schirmen zusammendrängten. Wir, die wir die Süßigkeit unter Dach und Fach genossen, bedauerten die regennassen Wanderer am anderen Ufer – verfrüht wie der gewiefte Chef des Ausflugslokals, übrigens ein Bewunderer Deutschlands, uns klar machte. Über eine halsbrecherisch schmale Treppe führte er uns ins Obergeschoss, in ein mit Besucherfotos tapeziertes und Fähnchen aus aller Welt bestücktes Kämmerchen, von dem aus durch einen Trick per „wanderndem Korb an Seilen“ auch die Besucher des Felsens in den Genuss der Süßigkeit kommen konnten. Natürlich wurde auch von uns – mit Deutschlandfähnchen in den Händen – ein Foto gemacht, für die Wand und als Geschenk zum Mitnehmen ausgedruckt.

Durch ein Missverständnis hatte ich geglaubt, der Ausflug im Regen wäre mit diesem Erlebnis zu Ende gegangen, erfuhr jedoch, dass wir jetzt endlich! zum eigentlichen Highlight des Tages kommen würden: Zum Zen-Tempel von Taekos „Priesterschwager“, mit ihm ist die älteste Tochter der Familie verheiratet. Der Regen prasselte gegen die Frontscheibe, als wir den steilen Anweg zum Tempel hinauffuhren. Ich sah fast nichts – und doch, oben angekommen, beim Aussteigen unter dem Schirm einen raschen Blick um mich geworfen, gingen mir fast die Augen über. Diese ausgedehnte und äußerst schöne Tempelanlage – wie passt sie in diese Einöde? Weiß Gott, sie kann es mit vielen berühmten Tempeln Kyotos aufnehmen: mit seinen Gebäuden, dem Glockenturm, den Gärten mit Skulpturen und Steinlaternen. Doch ehe ich ins Schwärmen komme, mache ich es lieber kurz: Bei aller Freundlichkeit des Empfangs, großzügiger Bewirtung, gemütlichem Beisammensitzen im fußbodenbeheizten Familienzimmer mit persönlichen und Zen-philosophischen Gesprächen – die etwa einstündige Führung durch die zahlreichen, Zähneklappern erzeugenden kalten Tempelräume, dazu an diesem regnerischen Tag, hat uns doch arg zugesetzt. Ohne Slipper, mit simplen Socken an den Füßen, waren wir nach kurzer Zeit so eingeeist, dass jeder weitere Raum, obwohl mit eindrucksvollen Gemälden und Tuschezeichnungen des ältesten Sohnes unserer Gastgeber geschmückt, mir nur noch ein qualvoll geflüstertes „oh nein“ entlockte. Den anderen Besuchern, vor allem Taeko und ihrem Bruder, machte die Kälte nichts aus, sie waren ja auch von Kindheit daran gewöhnt. Taikos Schwester trug übrigens Wollsocken, und ich dachte grimmig, du hast ja gut lachen!

Aber auch dieser Tag ging mit viel Heiterkeit zu Ende, sowohl im Restaurant von Taikos jüngstem Bruder als auch im Heim von Toshiro und Satoko. Den Sturm, der uns des Nachts aus dem Schlaf riss, habe ich schon erwähnt. Aber während er die Hausbesitzer vernehmbar erschreckte, lauschte ich ihm eher wie einem Wiegenlied, das mir, in meine Decken verkrochen, gegen Morgen doch noch die Augen für einen wohligen Zweistundenschlaf vor unserer Abfahrt zufallen ließ.

Was, so fragte ich mich bereits im Zug (s. auch) auf dem Weg in die „Zivilisation“ und frage es mich auch heute noch, wird mir von diesem Besuch in der abgelegenen Gegend Japans in Erinnerung bleiben? Die freundliche Zuwendung durch die Familie, die großzügige Bewirtung? Die Erzählungen vom harten und kargen Bauernleben der Vorzeit im damals noch kleinen Haupthaus, das im Winter oftmals vom Schnee umschlossen war? Vom abendlichen Gang durch die Kälte zum Onsen, zum Bad in der heißen Quelle, aus der man immerhin bis in die Tiefenschichten des Körpers durchgewärmt und damit gerüstet für die kalte Nacht zurückkommt: (eine leicht romantische Vorstellung für einen Stadtbewohner aus der Fremde!)! Von den heißen Sommern, in denen Toshiro und Satoko nur am frühen Morgen und späten Abend auf den Reis- und Gemüsefeldern arbeiten konnten? Von der vermutlich steten Sorge um gute Ernten?

Einst – wann war einst? – vor 10 oder 20 Jahren hatte das Dorf 80 Einwohner, inzwischen sind es noch 40, zumeist ältere. Es gibt keinen Krämerladen mehr, statt dessen jedoch große Supermärkte im Umland, die es vom Angebot her mit jedem Einkaufscenter in der Großstadt aufnehmen können. Erreichbar sind sie allerdings nur mit dem Auto, wie lange noch für die augenblicklichen Bewohner? Jetzt – noch! – genießen sie den neuen Komfort, die modernen Haushaltsgeräte, das eigene Bad, die Super-Hightech-Toilette mit allerlei Spülvorrichtungen und im Winter gewärmten Sitzen. Obwohl Toshiro und Satoko da durchaus mithalten können, gehen sie doch noch jeden Abend ins Onsen. Es ist weiterhin der Mittelpunkt des Dorfes, als Gesprächs-, als Treff- und auch Tratschpunkt. Es schmiedet die Einwohner zusammen und – erstaunlich – fördert auch ihre Kreativität. An Traditionspflege und kulturellen Veranstaltungen in Eigenregie fehlt es nicht.

Toshiro hat seinen sorgsam bis zur Reife gehegten und gepflegten Reis geerntet, einen Teil der Genossenschaft übergeben und sein jährliches Quantum für die Familie gut gelagert. Sein Reis war – ohne Übertreibung – der wohlschmeckendste, den ich in Japan genossen habe. Ja, Sato-san, auch zum Frühstück mit den von dir hergestellten, abwechslungsreichen Beilagen.

Dein Dorf, Taiko, und die umliegenden Reisfelder habe ich leider nur unter Regenschleiern im Vorüberfahren wahrnehmen können. Trotzdem, die Weite der Felder mit den in Reih und Glied dem Regen so wehrhaft trotzenden Reisstoppeln haben mich beeindruckt. Allerdings: Um mit dir die Wege deiner Kindheit abgehen zu können, muss ich wohl in einer anderen Jahreszeit noch mal wiederkommen! Dass du aus deiner kleinen Welt vor Jahrzehnten ausgebrochen und allein nach Europa gefahren bist, meine Güte, das war wirklich abenteuerlich!

Am Abschiedstag, schon im Auto sitzend, fielen mir die Vögel ein, die Schwalben von Taekos Mutter, ihrem kunstvollen Formationsflug am Begräbnistag. Wie hatte ich sie nur vergessen können, schließlich waren sie es doch, die mich, abgesehen von Taeko, hierher gelockt hatten. Wo, fragte ich Toshiro, sind denn nur die Schwalben geblieben, ich habe ihre Nester im Eingang gar nicht gesehen? Keine Sorge, sagte er, im Winter haben sie es wärmer im Stall. Und so, als müsste er ein Kind trösten, fügte er hinzu: Sie schlafen! 😉

S a y o n a r a !

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Aktuelle Notiz vom 16. Dezember 2017

Vor einigen Stunden sind wir von einem Vier-Tage-Aufenthalt in Tokyo nach Kyoto zurückgekehrt. Wir sind nicht dort hingefahren, um uns einige noch nicht bekannte Sights anzusehen, sondern um das Weihnachtskonzert unserer Freunde Hisako und Yoichi Shintani und dem von ihnen geleiteten Ensemble Rokoko in der Konzerthalle der Tokyo Bunka Keikan zu besuchen. Es war ein reiner Freundesbesuch unter dem Motto “Bewundern, Genießen, Feiern“: Das gelungene Konzert – J-S. Bach, M. Marais, A.Vivaldi – und am darauffolgenden Tag Hisakos und meinen Geburtstag, die kurz hintereinander liegen. Den Shinkansen nach Tokyo zu nehmen ist für uns auch immer so etwas wie die Fahrt zu einem „Heimspiel“. Hin und wieder haben wir auch in Tokyo einige Wochen lang gewohnt.

Wir hatten derartig strahlendes Winterwetter, dass wir auf der Hinfahrt den immerhin ca. 30 bis 40 Kilometer von der Bahn entfernt sich erhebenden Fuji-san wie vors Fenster platziert liegen sahen. (Für mich: ich hatte ja Geburtstag!!!) Am Tag vor dem Konzert genossen wir einen gemütlichen Spaziergang durch den Ueno-Park, in dem wir vor einigen Jahren im Sommer bei 40° zwischen den Lotus“feldern“ im Teich knapp an einem Hitzschlag vorbeigeschrammt waren. Nicht halb verschwimmend, sondern klar vor Augen sahen wir jetzt die Ueno-Pagode und den Toshogu-Schrein aus der Edo-Zeit (17. Jhd.), gingen den Weg der 200 Steinlaternen entlang, der zu ihm führt. All das im Sonnenlicht und hier und da noch zusätzlich umschmeichelt von Kamelien-Büschen in höchster Blüte.

Schließlich und endlich konnten wir es uns, wie bei beinahe jedem Besuch, am letzten Tag nicht versagen, aus nostalgischen Gründen nach Asakusa zu fahren, in die ehemalige Edo-Hauptstadt mit ihrem imposanten Kannon-Tempel Sensoji. Allein schon das Eingangstor mit den wuchtigen Wächterfiguren zur rechten und linken Seite ist eindrucksvoll. Und exotisch hübsch war einmal der lange von Läden gesäumte Weg dorthin. WAR! Habe ich geschrieben. Noch vor 20 Jahren. Heute ist er von Touristen aus aller Herren Länder (an erster Stelle Chinesen), derartig überfüllt, zutreffender eigentlich: verstopft, dass man sich nur mit Mühe seinen Weg bahnen kann. Gut, wir haben’s geschafft und auch jenseits des Hauptgebäudes ein anheimelndes Plätzchen zum kurzzeitigen Verweilen mit Blick auf die Tempelanlage gefunden, gen Ende auch unseren wenig Aufsehen erregenden Geheimtippladen, in dem man in Premium-Qualität Sashimi und Sushi essen kann.

Zurück fuhren wir heute Mittag im schnellsten Zug der Shinkansen-Linie, dem Nozomi, zusammen mit unserer Freundin Hisako, sie zu ihrem Elternhaus in Okayama, wir nach Kyoto. Sie hatte Reiseproviant (O-Bentos und Leckereien) gekauft, die wir nun in unserer Dreierreihe im Zug austauschend verteilten. Es war ein fürstlich festliches Essen, man könnte sagen als Schlusspunkt sowohl unter das Konzert als auch unter die Geburtstage.

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