Kyoto – Spaziergang am Fuße der Higashiyama-Berge

San-Mon-Tor des Nanzenji
 

Ausschnitt aus meinem Roman „Das Kind am Kagurazaun“ (noch in Arbeit)

… früh am Morgen vom Klicken der Regentropfen gegen die Fensterscheiben aufgewacht, fiel mir der gestrige Tagesausflug ein. Aufgebrochen waren wir zu Dritt bei außergewöhnlich schönem Sommerwetter, Zwischenhochbescherung in einer bisher nur all zu ergiebigen Regenzeit. So tiefblau war der Himmel, dass sich aus ihm heraus die Bergkette des Higashiyama geradezu reliefartig heraushob mit üppiger Sommervegetation, schwarzstämmigen Kiefern und teepulvergrünen Laubbäumen, krauswüchsig, dschungelhaft. Diesen Tag hatten wir feiern müssen mit einer Wanderung am Fuße des Berges entlang über den „Testsugaku-no-michi“, den Philosophenweg mit Kurzbesuchen einiger am Weg liegender Sehenswürdigkeiten, unterbrochen von einem vegetarischen Essen in einer Tofu-ya, einer Teezeremonie in „unserem“ Tempel, niedergelassen auf Sitzkissen am Tatamiboden, den Wasserfall des Landschaftsgartens im Blick. Eine solch „private Erkundungstour“, die alles bereit hält, womit das alte, jedoch auch heute noch lebendige Japan den Wandernden überraschen kann, auf Touristenwegen ebenso wie auf Abseitspfaden, dürfte jeden Fremden – mehr noch als uns, die seit vielen Jahren in Kyoto Verwurzelten – in Verzückungstaumel stürzen. Erst in der Rückerinnerung würden sich die einander übertrumpfenden Eindrücke, Bilder wie zufällig aus dem Kaleidoskop geschüttelt, zu einem in sich geschlossenen Ganzen zusammenfügen – wie jetzt bei mir, die ich mir den Spaziergang noch einmal vergegenwärtige:

Schreine, Tempel, Gärten, namhafte und in keinem Führer erwähnte, halb versteckt im Bambushain, ein zinnoberrot gestrichenes Tori weist uns den Weg zum schmucklosen Schreingebäude, eine Gebetsglocke, ein Votivbild, Fürbitten und Dankestafeln, ein Baum mit Horoskopstreifen bespickt (den Göttern zur Erinnerung: dass sie glückverheißende Versprechen einlösen, Unheilprophezeiungen nochmals überdenken!), ein Reinigungsbecken am Eingang, wie vergessen liegt die Schöpfkelle aus Bambus auf dem Brunnenrand,

Eikan-do Tempel mit seinem im Zentrum des großen Gartens liegenden Teich, dicht umgeben von einem Palisadenzaun aus Bäumen und Sträuchern, sommergrün, aber wir wissen, wie spektakulär er sich färbt im Herbst, feurig rot und blendend gelb in vielerlei Abstufungen, Ahorn und Ginko, von der geschwungenen Brücke über den Teich schauen wir hinüber zum Hauptgebäude, in dem wir den Schatz des Tempels, die Statue des „Amida-Buddha mit dem Schulterblick“ bewundern könnten, nein, nicht heute, ein andermal, heute locken uns Kinderstimmen hinüber zum Seitentrakt Kindergarten, unglaublich, ruft Nikolas aus, da steht das Wort ja tatsächlich immer noch auf dem Schild (schwarz auf gold)! und wie vor vielen Jahren tummeln sich Kinder in aufgestellten Planschbecken auf dem Vorplatz, wie beneidenswert, wer da mithalten könnte, denke ich, reibe mir den Schweiß der Regenzeit, mushi atsui- feucht und heiß, aus Gesicht und Nacken,

Nanzen-ji Tempel, sein Eingangstor, zweigeschossig, ohne Riegel, ohne Schloß, Gateless Gate, freier Zutritt zwischen dickstämmigen Holzsäulen hindurch, kaum jemand, der nicht stehenbleibt und bewundernd hinaufsieht ins kunstvoll gefugte Deckengebälk und danach – wie wir – weitergeht zum Hojo, Hauptgebäude mit seinem Zen-Garten, durch Korridore ins Innere, über patinaglänzende, singende Holzfußböden, Besucher ankündigend, Eindringlinge verratend: heute sind wir die Eindringlinge, sagt Nikolas, die Diebe, tritt mit nackten Füßen fest auf, während ich leichten Schritts die Kühle umd Glätte an den Fußsohlen genieße bis hin zur Empore, wo wir uns niederlassen, die Augen lange nicht abwenden können vom Garten: sorgsam geharkte Kiesfläche, weiß, die Gesteine, Findlinge, wie absichtslos verstreut (Felsen? Inseln im Meer? Wie immer die Interpretation auch lauten mag: hat es Sinn nach dem Sinn zu fragen?),

Chion-in, seine Denkmalschutz-Glocke, die freischwingende, landesgrößte, klangvoll mit durchdringendem Dröhnen aus Baßtiefen heraus, an dicken Tauen aufgehängt ihr Klöppelstamm: wie blankgeschmirgelt glänzt das vorgewölbte Glockenauge, der Pomponknauf, gegen den der Klöppel geschlagen wird von Menschenhand, und Tempeldächer, zwischen Bäumen und Einfriedungsmauern ragen sie hervor, ausladend, himmelwärtsgeschwungen, mit anthrazitfarbenen Ziegeln – nein, nicht Ziegeln: Kacheln! – schwarzgelackt, wenn Regen fällt, in weiße Dunstschleier gehüllt, wenn die Sonne hervorbricht,

Yasaka-Schrein, wo wir das vom Dachfirst des Hauptgebäudes herabhängende Tau mit seinen kupfernen Rasseln am oberen Ende schütteln möchten, kraftvoll: hört mich an, ihr Götter! hin und wieder geheime Wünsche oder Bitten im Sinn, aber kichernd, giggelnd und dennoch über alle Maßen diszipliniert stehen bereits Schulmädchen an, den Ritus zu vollziehen, bevor sie sich aufstellen zum Gruppenfoto, im Schatten des Eingangstores warten wir auf unsere Chance – wie hätten wir denn ohne unseren Gruß an die Götter: wir sind wieder da! diesen Schrein verlassen und hinaufwandern können zum

Kiyomizu-dera, Tempel des klaren (heilkräftigen)Wassers: in hohem scharfem Strahl, so dass er in Regenbogenfarben an den Rändern der Trinkgefäße zerspritzt, kommt es aus dem Berg herausgeschossen, die Steilhöhe aufwärts tastet sich während des Trinkens der Blick, erklimmt das sechsstöckige Pfahlgerüst, Sprossenkunstwerk am Hang, bis hin zur hoch oben gelegenen Holzterrasse mit dem großen, der elfköpfigen Kannon geweihten Tempelgebäude, zurück im Tal, inmitten enger Gassen,

Gion, seine fünfgeschossige Pagode im Spinnennetz zahlloser Stromleitungen, einen alten Mönch mit kahlgeschorenem Kopf, schwarzgewandet, das sorgsam geknotete Tragebündel in der Hand, sehen wir aus dem Schatten der Pagode treten, stehenbleiben, sich den Schweiß von der Stirn wischen, weitergehen, so wie auch wir, in entgegengesetzte Richtungen, zwischen Häusern mit schöngemaserten Holzwänden hindurch, und immer tiefer, nicht nur verzaubert, bestrickt, verlieren wir uns an das Viertel, Geishaviertel – Geisterviertel im Mittag, entdecken Teehäuser, Nobelhäuser, restauriert und aufpoliert, von halbhohen Mauern umgeben: Festungen allesamt! abgeriegelt jetzt, ohne Leben, beinahe ohne Laut, allein den Eingangsbereich einzelner Häuser finden wir frisch mit Wasser besprengt – nicht für uns, für illustre Nachmittags- oder Abendgäste. Auf dem Weg zur Hauptstraße in die Innenstadt folgen uns noch eine Weile die Geisterlaute, Shamizen-Übungsklänge aus dem Fenster eines jener ausgestorben daliegenden Häuser, das Surren von Türen in ihren Schieberillen und das Klack-Tack-Geräusch, mit dem sie geschlossen werden, das in rhythmischen Abständen die Gassen durchhallende Tock eines Wasserspeiers aus Bambusrohr: dies alles wiederentdeckt und ausgekostet zu haben, mal im Verweilen aus der Nähe betrachtet, mal im Vorübergehen mit Blicken kurz umfasst, es bleibt ja noch Zeit, zwei Monate fast, das war doch, sagt Raoul im Café Juchheim beim Kaffee und deutscher Schokoladentorte, den Schweiß und die Mühsal mehr als wert …

 

Maiko am Shirakawa/Gion/Kyoto        Wasserbecken in Schrein/Kyoto

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Aktuelle Notiz zum 11. März 2021 (Japanische Version)

                                               —–  Welch GLÜCKSFALL!  —–

Unsere japanische „Tochter“ Mika, die wir seit mehr als 35 Jahren kennen, hat mir – unaufgefordert – eine japanische Übersetzung meines Briefes im Artikel zum 11. März 2021  zugeschickt. Mit ihrer Erlaubnis kann ich nun diesen Text auch allen denen zugänglich machen, die den deutschen Brief kaum oder gar nicht verstehen können. Ich möchte ihr an dieser Stelle ganz herzlich für diese Unterstützung und ihre Mühe DANKEN!

どうも ありがとうございました

Greta

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2021年3月11日現在のメモ

Ishinomaki-Am13Mrz11

In Ishinomaki waren 40% aller Häuser zerstört/unbewohnbar (Aus einer jap. Dokumentation)

写真:石巻の全家屋のうち40%が半壊・全壊となった(日本のドキュメンタリーより)

福島の10年――日本の友人達への手紙

親愛なる日本の友人の皆さんへ

過去数世紀で最悪の災害の1つが突然、皆さんの――そして、私たちにも第二の故郷のように感じる――国を襲ってから10年が経ちました。マグニチュード9.1の大地震(日本の観測史上最大規模)、その直後の三陸海岸を襲った、場所によっては30~40メートルに達した津波、そして今なお廃炉作業が行われている福島第一原子力発電所。ここドイツの家族や友人たち、それにそうです、日本の皆さんからの警告にもかかわらず、2011年4月の初めに予定通り日本に旅行したことを、皆さんは覚えていると思います。西洋と東洋の長年の友人である私たちは、共に生存者であるかのように再会して、喜びと悲しみを同時に味わいました。というのも、再会は嬉しかったのですが、被害のあまりの酷さに戸惑い、気分が重くなったのです。

そこには、非常に独特なというより、むしろ押し隠されたような張り詰めた雰囲気がありました。一方では悲しみが次なる激しい揺れへの恐れと混ざり合い、もう一方では――深刻な事態など何も起こらなかったかのように――この災害の年の特に素晴らしく咲いた桜への喜び。皆さんのうち、何人かとは一緒に、お寺や神社、庭園、特に「京都の桜の名所」で、お花見を楽しみました。半分は無意識に、もう半分は意識的に皆さんと一緒に、実際にこの素晴らしさを楽しんでいることが、時折不思議に思えました。

まるで慰めに効く貼り薬で、やさしく痛みを鈍らされ軽減されて、「きれい、きれい」という周囲で重なり合うあまたの歓声で魔法にかかったかのように、あの三重の不幸は一瞬、または数時間、遠くに去っていました。あの災害は本当に起こったのですか?約2万人の死者、40万人以上の人々が、ずっと、または一時的に避難所で暮らし、数え切れないほどの行方不明者がいることを、現実として理解するのは難しいことですよね?それにもかかわらず、全国でそして、ひどく荒廃した放射能に汚染された沿岸地域の許可された場所の中でさえ、桜祭りは開催されました。自然の脅威にも屈服せずに生き残った象徴でしょうか?

例年通り3月11日に皆さんや犠牲となった方々、そして日本について考えます。この10年で多くの復興がなされました。数年にわたる被災地への旅の中で、それを確信することができました。

その多くの場所の代表として石巻市が思い浮かびます。2013年には半壊の家並みより、はるかに多い廃墟のあったゴーストタウン、被害を免れた商店街も閉まったまま。ある暑い日、――ひび割れとデコボコになっているアスファルトの――通りを、歩く以上につまずいていた私たち以外、人はほとんどいませんでした。3000人が津波で亡くなり、2500人が行方不明になっていると、案内リーフレットに書いてありました。

2017年、再び石巻で多くの新しい建物や心を込めて復元された古い家並み、元の姿になっていたメインストリートのショッピングエリアの喧騒に、私たちは驚いていました。新規またはリニューアルオープンしたデパートのレストランで、とても心地のよい雰囲気の中で食事をしました。最高のおもてなしで、美味しい定食とデザートのコーヒーとケーキが出てきました。

当時、避難していた人の80%が戻って来て、我らのマンガミュージアムも再開しましたと、小さな土産売り場の店員が言っていました。

がんばろう!石巻』これは、津波に襲われたわずか数週間後に生存者が、同じく被災した人たちを励ましたいと大看板に書き、被害を受けた市内中心部に置いたのは、負けまいとする意志の表明です。

親愛なる友人の皆さん、いつものように、いえ、それ以上にとりわけこの特別な追憶の日に皆さんとの繋がりを感じます。日本の一地域を消してしまうかのような、このような災害が繰り返されないことを心から願っています。皆さんと一緒に神社へ参拝して、神様にご加護や幸福をお願いできればよかったのですが、――同様の災い、世界的なパンデミックは、それを許してはくれませんでした。

次はいつお会いしましょうか?ひょっとしたら来年?桜の時期?そんな感じでしょうか!!!その時は喜んでマスクをします――覚えていると思いますが――かつて私たちはマスクの着用を、やさしく少し笑って見ていました。でも今では、誰もがマスクで護られています。皆さんは、ずっと以前からマスクを信用していましたね。

欧米式のハグや頬へキスする挨拶にずっと慣れている人へも、お辞儀で挨拶をします。

お元気で!

グレータとリュディガー

追伸:2013年の被災地旅行の体験記は、以下(リンク2の石巻の詳細)をご覧ください。

Tohoku 1 – Matsushima (ドイツ語)

Tohoku 2 – Ishinomaki (ドイツ語)

Tohoku 3 – Arahama (ドイツ語)

Haupt-Einkaufsstraße in Ishinomaki 2013

Beginn der früheren überdachten Einkaufsstraße von Ishinomaki (2013)

石巻のかつてのアーケード街のスタート地点(2013)

Eckgebäude mit Mangafiguren in Ishinomaki 2017

Dem Tsunami weitgehend widerstanden in der Manga-Metropole Ishinomaki (2017)

津波に強く耐えたマンガの街石巻は改装されていた(2017)

Sanierte Geschäfte in Ishinomaki 2017

Lichtblicke in einer ehemaligen Einkaufsstraße in Ishinomaki (2017)

石巻の繁華街の希望の光(2017)

Teestube Kitaha in Ishinomaki 2017

Teestube in einem frisch sanierten kleinen Kaufhaus in Ishinomaki (2017)

石巻のきれいに改装された小さなデパートのティールーム(2017)

GanbarouIshinomakiKanban

„Halte durch, Ishinomaki!“ (Tafel auf einem vom Tsunami niedergewalzten Grundstück nahe Ishinomaki)

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Aktuelle Notiz zum 11. März 2021

In Ishinomaki waren 40% aller Häuser zerstört/unbewohnbar (aus einer japan. Dokumentation)

10 Jahre Fukushima – Brief an japanische Freunde

Liebe Freunde in Japan,
zehn Jahre ist es her, seit eine der schlimmsten Katastrophen der letzten Jahrhunderte über Euer Land – das wir auch ein bisschen als unsere zweite Heimat empfinden – urplötzlich hereingebrochen ist: Ein Erdbeben der Stärke 9,1 (das größte jemals gemessene Erdbeben in Japan), der unmittelbar darauf folgende Tsunami an der Sanriku-Fukushima-Küste mit Wellen, die an einigen Orten 30 oder gar 40 Meter erreichten, und die immer noch nicht behobene Beschädigung des Kernkraftwerkes Fukushima Daiichi. Ich bin sicher, Ihr erinnert Euch daran, dass wir trotz aller Warnungen von unseren Familien und Freunden hier in Deutschland, ja, selbst von Euch, ganz wie zuvor geplant nach Japan gereist sind, Anfang April 2011. Wir, die langjährigen Freunde aus Ost und West, sind uns begegnet wie gemeinsam Überlebende, freudig und traurig zugleich; beglückt über das Wiedersehen, bedrückt und fassungslos über das Ausmaß der Zerstörungen.

Es war eine sehr merkwürdige, eher untergründig angespannte Stimmung im Land. Einerseits Betrübnis vermischt mit Angst vor weiteren heftigen Beben, andererseits – ganz so als wäre nichts Gravierendes geschehen – Freude an der in diesem Katastrophenjahr besonders prachtvollen Kirschblüte. Zusammen mit einigen von Euch haben wir in Tempeln, Schreinen und Gärten das Kirschblütenschauen genossen, insbesondere im „Kirschgarten Kyoto“. Halb unbewusst, halb bewusst haben wir uns manchmal gewundert, dass Ihr und auch wir mit Euch diese Pracht tatsächlich genießen konnten. Wie mit einem Trostpflaster sanft betäubt, losgelöst und becirct von den vielstimmigen Ausrufen „kirei, kirei – wie schön, wie schön“ ringsum, war das dreifache Unglück für Augenblicke oder gar Stunden in weite Ferne gerückt. Hatte es überhaupt stattgefunden? Dieses schwer Begreifliche? Rund 20. 000 Tote, über 400.000 für immer oder vorübergehnd aus ihrer Heimat Vertriebene in Notunterkünften, zahllose Vermisste? Trotzdem – überall im Land wurden Kirschblütenfeste gefeiert, selbst im – erlaubten – Umfeld des schwer verwüsteten und radioaktiv verseuchten Küstengebietes. Als Symbol des Überlebens, der Unbeugsamkeit gegenüber den Naturgewalten?

Wie in jedem Jahr denken wir auch an diesem 11. März an Euch, an die Opfer, an Japan. Es hat in den 10 vergangenen Jahren viel Aufbauarbeit gegeben. Während unserer Fahrten durch das Katastrophengebiet innerhalb verschiedener Jahre konnten wir uns selbst davon überzeugen. Stellvertretend für viele andere kommt mir die Stadt Ishinomaki in den Sinn, 2013 eine Geisterstadt mit weitaus mehr Ruinen als halbwegs heil gebliebenen Häusern, die Geschäfte in den noch verbliebenen Gebäuden geschlossen. Kaum ein Mensch in den Straßen, durch die wir – über aufgerissenes oder hochgebuckeltes Pflaster- an einem heißen Tag mehr gestolpert als gegangen sind. 3000 Menschen, lasen wir in einem Infoblatt, waren durch den Tsunami umgekommen, 2500 vermisst.

2017, erneut in Ishinomaki, staunten wir über die vielen Neubauten und liebevoll instand gesetzten alten Häuser, die Betriebsamkeit in der wieder zu einer Einkaufsmeile zurückverwandelten Hauptstraße. Im Restaurant eines neu- oder wiedereröffneten Kaufhauses aßen wir in aller Gemütlichkeit und freundlichst bedient ein leckeres O-Teishoku mit Kaffee und Kuchen als Nachtisch. 80% der damals Geflüchteten seien zurückgekehrt, sagte uns ein Verkäufer in der kleinen Souvenirabteilung, und unser Manga-Museum ist auch wieder für Touristen geöffnet: Wir in Ishinomaki geben niemals auf! Es ist ein Durchhaltespruch, den eine Gruppe Überlebender bereits Wochen nach dem Tsunami auf eine Gedenktafel geschrieben und in der zerstörten Innenstadt aufgestellt hatte.

Liebe Feunde, wie immer fühlen wir uns verbunden mit Euch, nicht nur, aber vor allem an diesem besonderen Gedenktag. Wir wünschen von Herzen, dass sich eine solche Katastrophe, die nahe dran war, einen Teil Japans auszulöschen, nicht wiederholt. Es wäre schön, mit Euch in einem Schrein den diesjährigen Tag zu begehen, die Kamisama in ihrer göttlichen Macht um Beistand und Lebensglück zu bitten, aber die – weltumspannende – Pandemie, auch eine Katastrophe, lässt es nicht zu.

Wann werden wir Euch wiedersehen? Vielleicht im nächsten Jahr? Zur Kirschblütenzeit? Wäre es doch so!!! Gerne auch mit Maske, über die wir – Ihr erinnert euch – früher einmal ein bisschen milde gelächelt hatten, und die uns jetzt schützt. Ihr habt immer an ihren Schutz geglaubt.

Wir grüßen Euch mit einer Verbeugung, auch diejenigen, die sich längst an westliche Begrüßungs-Umarmungen und Wangenküsschen gewöhnt hatten. Bleibt gesund!

Eure
Greta und Rüdiger

P.S.: Mehr über unsere Erfahrungen während der Reise im Jahr 2013 durch das Katastrophengebiet  findet Ihr unter den folgenden Links (Ausführliches über Ishinomaki in Link2):

Link1                                             Link2                                       Link3

Beginn der früheren überdachten Einkaufsstraße von Ishinomaki (2013)

 

Dem Tsunami weitgehend widerstanden und neu geschmückt in der Manga-Metropole Ishinomaki (2017)

Lichtblicke in einer ehemaligen Einkaufsstraße in Ishinomaki (2017)

Teestube in einem frisch sanierten kleinen Kaufhaus in Ishinomaki (2017)

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SETSUBUN – „Winter ade …“

Setsubun ist ein fröhliches Fest. Nach dem altjapanischen Kalender beginnt mit ihm am 3./4. Februar das neue Jahr und wenige Wochen später der Frühling. Zwar ist es noch kalt, man spricht sogar vom letzten Tag der „Großen Kälte“ (大寒, Daikan), aber ein Hauch von Frühlingserwachen liegt dennoch in der Luft: Pflaumenblüten öffnen sich und Kirschblüten „träumen schon, wollen balde kommen“! Es ist an der Zeit, die Unglück und Krankheiten bringenden Dämonen des Winters, die ONI – furchterregend anzusehen mit ihren Hörnern, großen hervorquellenden Augen und (umgekehrten) Vampirzähnen – in einem Festakt zu vertreiben. Das geschieht im (Shinto)Schrein mit Ritualen, Tänzen und Verbrennen von Talismanen u.a., zu Hause mit einem halb ernsten, halb spaßhaften Akt des Bohnenwerfens zusammen mit dem mehrfach skandierten Spruch: „Oni wa soto, fuku wa uchi – Dämonen raus, Glück ins Haus“. So sehr die ONI sich auch an ihre Macht zu klammern versuchen, unter dem Bombardement der wieder und wieder geworfenen Bohnen – Bohnen die sie verabscheuen! – „knicken“ sie schließlich doch ein und suchen mit Schimpfen und letzten Drohungen das Weite. – Nach dieser häuslichen Zeremonie beginnt häufig das Bohnenverzehren in froher Runde. Jeder isst so viele glückbringende (lecker gebrannte) Sojabohnen, wie er/sie/es an Jahren alt ist. (Das kann je nach Person und Magenempfindlichkeit recht „quellend“ sein!!!)

Vor 7 Jahren, in Kyoto, schenkte uns eine Freundin kurz vor Setsubun eine ONI-Maske – aus Spaß. Und aus Spaß verkleidete ich mich am Setsubun-Tag als ONI. Das hat sie so begeistert, dass sie mich umgehend zum „ONI-Vertreter“ ernannt hat. Natürlich wird von mir in dieser „gehobenen Position“ eine jährliche ONI-Performance erwartet. Halte ich mich an diesem „meinem Festtag“ nicht in Japan auf (wie in diesem Corona-Jahr), muss ich zumindest ein entsprechendes Foto schicken. Damit ich meine Pflichten nicht vergesse, werde ich rechtzeitig an sie erinnert, bereits vor zwei Wochen mit den Worten: ONI, deine Zeit naht heran!

Eine kleine Fotogalerie – auch mit mir als ONI – hänge ich an. Und für diejenigen, die mehr über das Setsubun-Fest erfahren möchten, setze ich zwei Links zu den Artikeln, die ich zuvor über das Fest geschrieben habe:
Hei, so treiben wir Dämonen aus
SETSUBUN – Vom kleinen Stadtteilfest zum großen Event

ONIs in Shinto-Schreinen Kyotos

Warmgekleideter ONI in Kyoto-Winter 1968

Abwehr des Langhaar-ONI im Yoshida-Schrein in Kyoto 2013

Roter ONI – angsteinflößend 2013

Stellvertreter-ONIs

ONI in unserem Wohnzimmer in Kyoto 2013

Langhaar-ONI in Deutschland 2018

Selbst ONIs müssen im Jahr 2021 Maske tragen

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Aktuelle Notiz vom 25.11.2020

Liebe Freunde und liebe Follower,
ja, wir haben unsere unten angekündigten Pläne verwirklicht und sind vom 18.9.2019 an einen Monat lang auf den Spuren früherer Zeiten durch den Iran gereist. Es war eine faszinierende, wenn auch etwas anstrengende Wiederbegegnung mit dem Land, seinen Menschen, Landschaften, Städten – mit Shiraz, Stadt der Gärten, Isfahan, Stadt mosaikgeschmückter Moscheen und Paläste, Teheran, Millionenstadt am Fuße des hochaufragenden Elburs-Gebirges – und natürlich mit der Wüste. Falls Ihr an meinem Reisebericht interessiert seid, könnt Ihr ihn auf meiner Website www.greta-godberg.de im Kapitel REISEN – Iran-Reise 2019 finden oder direkt durch Klick auf Gretas Website. (Eine kleine Fortsetzung steht noch aus.)


Für das Frühjahr oder den Herbst/Winter 2020 hatten wir einen erneuten Aufenthalt in Kyoto geplant. Covid 19 hat diesen Plan unmöglich gemacht. Vielleicht haben wir im kommenden Jahr – erfolgreich geimpft – eine Chance dazu. Während der Pandemie habe ich intensiv an meinem schon erwähnten, im Iran spielenden Roman geschrieben. Er ist fast fertiggestellt, und so kann ich mich demnächst wieder mit neuem Elan japanischen Themen zuwenden. O-Shogatsu „winkt“ bereits!

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Aktuelle Notiz vom 15.9.2019

Imam-Moschee am Naqsh-e-Jahan-Platz in Isfahan

Liebe Freunde, liebe Follower, NEIN, NEIN, das ist NICHT in Japan!

Ihr werdet Euch gewundert haben, dass seit meinem Glückwunsch zum Neuen Jahr 2019 kein Beitrag mehr erschienen ist. Das sieht für euch vermutlich so aus, als seien mir die Ideen zu Japan-Artikeln ausgegangen. Das ist jedoch nicht der Fall. Ich habe noch eine ganze Liste mit Themen, über die ich gerne schreiben möchte.

Unser Haus in Teheran mit dem verschneiten Elburs-Gebirge im Hintergrund und einem Kakibaum im Vordergrund

Der Grund für mein Schweigen ist ein anderer. Seit Beginn des Jahres arbeite ich an einem Roman, der im Iran spielt. Ich habe von 1974 – 1979 mit meiner Familie in Teheran gelebt. Kurz nach dem Umschwung des Landes vom Kaiserreich zur „Islamischen Republik“ – die Revolution von 1978/79 haben wir noch miterlebt – sind wir nach Deutschland zurückgekehrt. Es war ein Abschied, der mir sehr schwer gefallen ist, der Abschied sowohl von meinem zur Heimat gewordenen Heim in der Fremde, als auch vom Land Iran selbst, seinen großartigen Landschaften, seinen Moscheen und Palästen, vor allem aber auch seinen liebenswerten, gastfreundlichen Menschen.

Isfahan: Studentinnen des Konservatoriums im Abassi-Garten

Ich habe mich viele Jahre danach gesehnt, dieses „Heimatland von einst“ wiederzusehen. Doch neben dem Irak-Iran-Krieg von 1980 bis 1988, hat uns unser achtjähriger beruflich bedingtes Aufenthalt in Nordspanien von einer Reise in den Iran abgehalten; sie wäre jeweils nur im Sommer bei Temperaturen zwischen 40 – 45 Grad in Frage gekommen. Erst 2006, befreit von beruflichen Fesseln, haben wir uns dazu entschlossen, die längst fällige Reise gen Osten zu wagen. Mitte September sind wir von Köln aus mit unserem kleinen Camper losgefahren, durch Italien nach Ancona, mit dem Schiff – sehr entspannte Reise – nach Izmir in der Türkei und von dort aus den langen Weg bis zur iranischen Grenze nahe Dogubayazit. Entgegen unseren Befürchtungen war der Grenzübertritt mit dem Auto komplikationslos.

Natürlich hatte sich das Land gegenüber unserem ersten Aufenthalt verändert, aber im Herzen, insbesondere in den Herzen der Menschen, ist es sich treu geblieben. Dank unseres Campers – man konnte damals keine Autos mieten, auch heute übrigens nur eingeschränkt – konnten wir das Land nach Lust und Routenlaune zwei Monate lang während der klimatisch angenehmen Jahreszeit Oktober/November ohne Zwischenfälle durchkreuzen. Wir haben diese Zeit sehr genossen: Das Wiedersehen mit dem Land selbst, seinen von uns so geliebten Städten wie u.a. Isfahan, Shiraz, Yazd, Teheran mit seiner Gebirgswelt ringsum und natürlich unserem früheren Wohnviertel; darüber hinaus die Wiederbegegnungen mit alten Freunden und Kennenlernen interessanter Menschen, die zum Teil zu neuen Freunden geworden sind, wie schon erwähnt kennt die Gastfreundschaft der Iraner ja keine Grenzen! Wir haben einige Male, ganz wie in alten Zeiten, mitten in der Wüste in unserem Auto übernachtet, und uns dabei so sicher wie in Abrahams Schoß gefühlt.

Leider konnte uns unser Sohn, der ja seine ersten Kindheitsjahre im Iran verbracht hat, 2006 nicht in die „alte Heimat“ begleiten. Daher haben wir uns entschlossen, diese Lücke in der gemeinsamen Biographie zu schließen und brechen in wenigen Tagen zu Viert – d.h. mit Daniel und unserer Schwiegertochter Andrea – zu einer Reise durch das Land auf. Dieses Mal nicht per Camper, sondern ganz bequem mit dem Flugzeug. Wir freuen uns darauf, zusammen „alte Wege“ abzugehen, herauszufinden, was aus unserem Viertel in Teheran, was aus unserem Haus geworden ist, das Land mit den Hintergrunderfahrungen von früher erneut zu erkunden. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass einige iranische Freunde uns gespannt erwarten, so wie wir gespannt darauf sind, sie bald wiederzusehen.

Nostalgie pur: Unser Garten in Teheran ano 1975

Kuppel der Imam-Moschee in Isfahan

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Grüße zum NEUEN JAHR 2019

Neujahrsgesteck vor dem Bunraku-Theater in Osaka

Liebe Freunde in Japan,
in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich festgestellt, dass viele von Euch, vermutlich auf der Suche nach Festtagsgrüßen, in meinen Blog geschaut haben. Jetzt endlich sind sie hier. Ich wünsche Euch allen und natürlich auch meinen sonstigen Freunden und Followern

Ein frohes, gesundes und glückliches Neues Jahr im Zeichen des Wildschweins

Akemashite omedetou gozaimasu
Happy New Year

Vor einem Jahr weilten wir, wie Ihr wisst, noch in Japan. Mit Daniel und Andrea, die über Weihnachten und Neujahr zu Besuch gekommen waren, genossen wir die Festtage in unserem altjapanischen Nostalgiehaus Hakuginso. Wie schon den ganzen Winter über (und einige Winter zuvor, Ihr erinnert Euch), sorgten drei Heizöfchen für zumindest „annehmbare“ Wärme – oft bis hin zum Kopfglühen, so nah hatten wir sie an uns herangerückt. Dass wir sie beim Verlassen des Hauses und in der Nacht wegen eventueller Erdbeben mit anschließender Feuergefahr ausschalten mussten, habt Ihr uns eindrücklich vor Augen geführt. Ich verhehle nicht, dass wir manchmal nach längerer Exkursion bei der Rückkehr in unser ausgekühltes Heim geseufzt oder gar leise vor uns hin geflucht haben. Andererseits: Was machte es schon, eine Stunde lang im Mantel mit gelegentlichen Blicken hin zum langsam steigenden Thermometer auf die „große Runderwärmung“ zu warten, während wir mit einem Abendessen, zuweilen erstanden in einem 24-Stundenladen oder im Supermarkt, Oden, Sushi, Tempura oder heiße Würstchen salzig-süß, alles gut gewürzt mit ein paar Schälchen Reiswein, schon einmal den Magen befriedeten. In unserem Wohnraum, den wir uns, Ihr habt es gesehen und bewundert, mit Wandschmuck und einigen Antiquitäten augenschmeichelnd eingerichtet hatten, fühlten wir uns wohl. Daran, dass wir des Nachts eingemummelt wie Eskimos auf unseren Futons im Tatamizimmer schlafen mussten, hatten wir uns gewöhnt, immerhin wärmte die Tatamis von unten ein Elektro-Teppich. – Liebe Freunde, Ihr brauchtet uns nicht zu bedauern. Selbst wenn Ihr in neuen Häusern komfortabler wohnt, seid auch Ihr gezwungen, Euch mit der Kälte zu arrangieren, Klimaanlagen heizen die Zimmer ja nicht wirklich gut durch, da müsst Ihr Euch ebenfalls zusätzlich mit Heizöfchen oder Elektro-Teppichen behelfen, zum Kotatsu zurückkehren und natürlich Euer abendliches heißes Bad nehmen. Kürzlich schrieb mir eine Freundin: “Es ist jetzt sehr kalt in Japan, ich mag morgens gar nicht aufstehen. Es ist dann zu kalt im Haus, wie Du weißt. Und wenn meine Schüler früh kommen, muss ich eine Zeitlang auf Eistasten spielen.

Wo auch immer wir uns auf der Welt aufhalten, wir feiern nach altem Brauch unsere Jahresfeste. So schmückten wir in der Advents- und Weihnachtszeit auch die Zimmer im Hakuginso-Haus, tranken – sofern wir zu Hause waren – zwischen dem 1. und 24. Dezember nachmittags Kaffee im kleinen Wintergarten, öffneten Türchen am Adventskalender, sangen am Weihnachtstag zusammen mit Daniel und Andrea Weihnachtslieder unterm Tannenstrauß – drei Zweige 50 Euro, jeder einzelne so exquisit, dass er wie für ein Ikebana herangewachsen schien, und wir haben die Zweige in eine Vase gezwängt, es tat uns leid, und doch fanden wir das Ergebnis nach dem Herausputzen recht gelungen. Dass wir O-Shogatsu, das japanische Neujahrsfest, besonders lieben, ist Euch ja bekannt. Am Silvesterabend gingen wir im „Pilgerstrom“ der Feiernden zum Gion-Schrein, der wie immer an diesem Abend im Glanz der vielen erleuchteten Lampions erstrahlte, wanderten einher zwischen all jenen, die ihre glühenden Lassos schleuderten, was zeigte, dass sie sich mittels eines langen Stricks Feuer für die erste Mahlzeit des neuen Tages an einer der vielen im Schrein aufgestellten Feuerstellen geholt hatten, wir kauften uns einen Talisman für das um Mitternacht anbrechende „Jahr des getreuen Hundes“, aßen in einem geheizten Pavillon die besonders langen Glücksnudeln der Neujahrsnacht, und da es uns danach gelüstete, in aller Ruhe und Gemütlichkeit Macha-Eis (die etwas betrübten Blicke all jener, die sehnsuchtsvoll den zu lange besetzten Tisch betrachteten, übersahen wir, wenngleich schlechten Gewissens, geflissentlich). Schließlich brachen wir doch auf, um uns rechtzeitig gegen 12.00 Uhr in “unserem“ Hakuginso-nahen Tempel unter der Aufsicht von Mönchen per großer Tempelglocke ins neue Jahr schlagen zu können. (Siehe auch: O-SHOGATSU)

Dieses Jahr, längst daheim in Deutschland, gestalteten sich die Feiern zu den Festen nicht so exotisch, dafür jedoch äußerst zufriedenstellend in unserer wunderbar durchgewärmten Wohnung. Gemütlich um einen kleinen, mit japanischen Brokat- und Seidenkugeln geschmückten Tannenbaum niedergelassen, sangen wir mit unseren Kindern ebenfalls Weihnachtslieder. Freudig zwar, aber da wir alle erkältet waren, eher weniger wohlklingend.

Zu Silvester bereiteten wir in Erinnerung an Japan zusammen mit Daniel, Andrea und deutsch-japanischen Freunden Sukiyaki am großen Wohnzimmer-Esstisch, der beinahe zusammenbrach unter all den vielen Zutaten von Fleisch, vielerlei Gemüsen, Tofu, Pilzen. Rüdiger und Taeko, die Sukiyaki-Meister, füllten abwechselnd die Pfanne auf der Kochplatte. Wir saßen und aßen lange unter Geplauder, Lachen und Warten auf die nächste „fertige Pfanne“ mit all den frischen, zart gegarten Köstlichkeiten, die wir, dem Brauch entsprechend, in unser Schüsselchen mit frischem rohem Ei tunkten, bevor wir sie auf der Zunge zergehen ließen und – zumeist jedenfalls – mit Sake nachspülten. Wir waren so losgelöst vom Alltag, so entspannt, dass wir, Ihr glaubt es nicht, vergaßen, zu fotografieren. Es muss das Wildschwein gewesen sein, das sich anschickte geboren zu werden und uns telepathisch derartig heiter und zugleich vergesslich gemacht hatte. Um Mitternacht bewunderten wir durch unser Panoramafenster das große Feuerwerk ringsum und begrüßten das neue Jahr mit gegenseitigen Umarmungen, Wünschen und selbstverständlich mit einem Glas Sekt.

Ich kann Euch nun, liebe Freunde, leider, leider kein Foto von unserer Silvesterfeier schicken. Das heißt, ein Foto habe ich für euch, ein von mir so genanntes Neujahrsfoto. Zu Neujahr ist es bei uns üblich, zusammen mit einigen vierblättrigen Kleeblättern in einer Vase, einen Schornsteinfeger und ein Glücksschwein zu schenken. Das Schweinchen passt in diesem Wildschweinjahr ganz besonders gut. Bringt es doch, so hoffen wir, uns allen doppeltes Glück. Im Foto habe ich diese Glücksbringer für Euch zusammengestellt.

Ich grüße Euch, zusammen mit Rüdiger von ganzen Herzen und wünsche Euch noch einmal ein gutes Neues Jahr Eure
Greta

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Juli 2018 – Unwetterkatastrophe in Japan

Meine in Tokyo lebende Freundin Hi-san fährt einmal im Monat in ihre Heimatstadt Okayama, um nach ihrem inzwischen verwaisten Elternhaus zu sehen. So auch in diesem Juli. Das Haus, im altjapanischen Stil vorwiegend aus Holz errichtet, liegt in einem recht großen Garten. An Haus und Garten entlang schlängelt sich ein Bach, über den vom Garten aus eine Brücke in die Siedlung führt: idyllisch!

Als Hi-san am 3. Juli nach 2 Tagen Aufenthalt, immer verbunden mit viel Arbeit drinnen und draußen, nach Tokyo zurückfuhr, schrieb sie mir: Ein Taifun folgt unserem Zug. Das klang neutral und nahezu normal. Von Anfang/Mitte Juni bis etwa Mitte Juli herrscht in Japan Regenzeit. In diesen Wochen kommt es zwischen Schönwettertagen oder -Stunden bei feuchtwarmer Hitze mal mehr, mal weniger oft zu heftigen Tropenschauern.

Hin und wieder gibt es auch erste Taifune. Anstatt, wie im Oktober über die Inseln hinweg zu stürmen, überschütten sie so früh im Jahr die Gegenden, die sie gerade passieren mit – zusätzlichen – Regenfällen. Zuweilen kommt es dann eher punktuell zu Erdrutschen oder Überschwemmungen.

So auch in unserem Viertel, als sich durch Starkregen Strauchwerk, Steine und Geröll vom Berg Daimonji lösten und zusammen mit einem plötzlich entstandenen Wildwasserbach die enge, zum Ginkakuji-Tempel führende Gasse durchschossen. Ein Stundenereignis mit anschließenden Aufräumarbeiten von zwei Tagen.

Somit war es für uns doch eine Überraschung, als am 6. Juli hiesige Medien von einer Unwetterkatastrophe in Japan berichteten, wie sie es seit 1983 nicht mehr gegeben hatte. Einige der Filme und Fotos erinnerten an diejenigen der Dreifachkatastrophe von 2011 (Erdbeben, Tsunami, Kernschmelze in Fukushima). Auch jetzt sah man verstörende Bilder: In Wassermassen oder Schlamm versunkene Städte und Dörfer, Häuser von den Grundmauern hinweg gerissen oder umgestürzt, Trümmer, Hausrat, Menschen, die sich durch die verwüstete Landschaft kämpften. Besonders betroffen waren der Westen der Hauptinsel Honshu, darunter die Provinzen Hiroshima und Okayama, aber auch einige Regionen der Inseln Shikoku und Kyushu. Sogar Randbezirke von Kyoto, „unserer“ Stadt, waren nicht verschont geblieben. Obwohl etwa 70 000 Rettungshelfer rund um die Uhr im Einsatz waren, blieben die Einwohner abgelegener Orte tagelang ohne Wasser, Strom und Verpflegung. Fazit: ca. 200 Tote, zahlreiche Verletzte und Tausende, die Hab und Gut verloren hatten und in Evakuierungszentren ausharren mussten (und müssen). Dazu viele in einer Kombination von Schock und Hitze Erkrankte.

Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? Japan lag zum Zeitpunkt der sich anbahnenden Katastrophe meteorologisch gesehen fest in der Klammer zweier Hochdruckgebiete im Norden. Sie blockierten den Weg des Taifuns und brachten zusätzlich zu den „normalen“ Niederschlägen der Regenzeit zwischen dem 3. und 7. Juli sintflutartige Regenfälle. In einigen Bergregionen wurde innerhalb kurzer Zeit eine Regenhöhe von 1,8 m gemessen.

Unmittelbar auf das Unwetter-Desaster folgte eine extreme Hitzewelle. Die Temperaturen liegen seither je nach Provinz zwischen 35 und knapp 40 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 80%. Das Hochwasser ging zwar zurück, der Schlamm trocknete, aber die Reinigungs- und Aufräumarbeiten sind längst nicht abgeschlossen.

Meine Freundin konnte aus Krankheitsgründen erst eine Woche nach der Katastrophe in ihre vom Hochwasser stark betroffene Heimatstadt fahren. Sie schrieb mir:

Ich war gestern in Okayama, um nach meinem Elternhaus zu sehen. Das war SEHR SCHLIMM! Das 40 – 50 cm Hochwasser hat unser armes altes Haus überschwemmt. Alle Zimmer waren total schlammig, natürlich durch die Hitze in diesen Tagen zum Teil fast trocken, aber auch verschimmelt. Die Waschmaschine und die Gasflasche standen schief und sogar schwere Sachen im Garten sind bis zur gegenüberliegenden Seite geschwommen. Das alles entsetzte mich so sehr, dass ich mit dem letzten Shinkansen (d.h. fast umgehend mit dem Superschnellzug) nach Tokyo zurück gefahren bin.

Ich fragte sie, ob sie Fotos vom, wie sie es bezeichnet „kontaminierten“ Haus gemacht hat. Ich hätte sie der Anschaulichkeit halber gern in diesen Artikel eingestellt. Ihre Antwort lautete: Ich war so schockiert, dass ich an Fotos nicht gedacht habe. Und sie wies mich darauf hin, dass es viel schwerwiegendere Zerstörungen im Land gab und immer noch gibt, als die Verunstaltung ihres Elternhauses.

Anders als diejenigen, die ihr Heim verloren haben, sind unsere Freunde, Hi-san und ihr Bruder, nicht gezwungen, fern von Tokyo im Okayama-Haus zu leben. Sie hatten ohnehin vor, es über kurz oder lang zu verkaufen. Die Katastrophe hat sie in ihrem Vorhaben noch bestärkt. Das heißt aber nicht, dass es ihnen und besonders Hi-san, leicht fallen wird, sich von ihm zu trennen. Und es bedeutet auch, dass sie es partiell vom inzwischen knochentrockenen Schlamm reinigen müssen, um den Haushalt auflösen zu können und zu entscheiden, was sie von der Hinterlassenschaft behalten möchten, sei es aus persönlichen Gründen oder aus Pietät den verstorbenen Eltern gegenüber.

Zu O-Bon, dem japanischen Totenfest Mitte August, an dem der Vorstellung nach die Verstorbenen für einige Tage in die diesseitige Welt zurückkehren, um unsichtbar-anwesend unter ihren Lieben zu weilen, werden die beiden wie jedes Jahr nach Okayama zum Elternhaus fahren. Sie werden ihnen zum Willkommen und zwei Tage später zum Abschied ein Leucht-Feuer entzünden und als Wegzehrung ein Schiffchen mit von ihnen geliebten Speisen herrichten. Ein Priester wird vor dem Ahnenaltar Gebete sprechen, vielleicht zum letzten Mal. Sobald sich ein Käufer für das Haus gefunden hat, werden sie den großen und prächtigen Altar, in dem Ahnen mehrerer Generationen namentlich ihren „Sitz“ haben, in einer Zeremonie im Tempel verbrennen lassen.

Ich denke, in diesem Jahr werden vor allem diejenigen, die bei der Katastrophe Familienmitglieder oder Freunde verloren haben, das O-Bon-Fest besonders intensiv erleben und begehen.

Was Katastrophen und erschwerte Lebensbedingungen betrifft, so hat meine Freundin einmal halb im Scherz, halb im Ernst gesagt: Wie kann man es eigentlich in diesem Land aushalten: Erdbeben, Taifune, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Erdrutsche, die jährliche feucht-heiße Regenzeit, den extrem heißen Sommer, die kalten Winter in unseren „Holz- und Papierhäusern“? Wie bloß? – Du musst halt auswandern, habe ich vorgeschlagen.

Wir haben gelacht! Sie, die hochsensible Künstlerin mit dem Samurai-Herzen, würde bei aller Weltläufigkeit und aller Unbill ihre Heimat Japan natürlich niemals verlassen.

P.S. Die Fotos aus den jap. Überschwemmungsgebieten (Foto 1 und 5) entnahm ich dem Beitrag in Tagesschau.de vom 9.7.2018. Vielen Dank!

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Konnichi-wa – Leben in Köln mit „Kyoto um die Ecke“

Anfang Februar sind wir aus Japan zurückgekehrt. In meinem letzten Blogeintrag schrieb ich in Anlehnung an ein mittelalterliches, auf die Stadt Innsbruck bezogenes Lied, als ersten Satz „Kyoto, ich muss dich lassen“… Es war ein netter Aufhänger für einen insgesamt eher informativen Abschieds-Artikel, in dem außer dem Hinweis auf unsere Verbundenheit mit der Stadt, mit Japan überhaupt, nichts auf einen großen Trennungsschmerz hinweist. Und sehr groß war er tatsächlich nicht. Ich freute mich auf die Rückkehr ins heimatliche Köln, auf das Wiedersehen und Zusammenleben mit Familie und Freunden, auf altbekannte Aktivitäten, und war im Übrigen froh, der japanischen Winterkälte drinnen und draußen entfliehen zu können.

Und doch, so wohl ich mich daheim auch fühlte, die große helle Wohnung samt Zentralheizung in allen Räumen, mein Westernstyle-Bett nach fünf Monaten „Bodenschlafen auf Futons“ (der winterkalten Erde so nah!) genoss, dazu mein Zimmer, meinen Schreibplatz, mein Schreiben selbst, das nur noch eingeschränkt mit Japan zu tun hatte und lesen, lesen – hat Japan uns über Wochen, ja eigentlich bis vor Kurzem nicht losgelassen. Drei Monate lang! Wir hatten unser Leben dort, vor allem in unserer zweiten Heimatstadt Kyoto, in all seiner Vertrautheit so verinnerlicht, dass es uns oft vorkam, als läge die Stadt ganz einfach „um die Ecke“. Als könnten wir, wenn es uns plötzlich in den Sinn kam, spontan und selbstverständlich „rübergehen“: zu einem Sonntagsspaziergang über den Tetsugaku-no-michi, den Philosophenweg, mit Kaffetrinken in unserem „Tantencafé“, Inhaberin eine typisch überfreundliche, höfliche und betriebsame Kyotoer Geschäftsfrau; im Kiyumizu-dera-Tempel, Tempel des klaren Wassers, nachschauen, wieweit die Restaurationsarbeiten am Hauptgebäude vorangekommen sind und gleichzeitig die vielen jungen Chinesinnen zählen, wenn sie, dank zahlreicher Kimono-Verleihgeschäfte japanisch eingekleidet, tollpatschig die Treppe zur Pagode hochsteigen; oder vielleicht im kleinen Nishiki-Tenmangu-Schrein nahe der Einkaufsstraße Teramachi-dori zum Gebet die Glocke anschlagen und anschließend dem goldenen „Weisheits-Stier“ über Kopf und Hörner streicheln; und was das Essengehen betrifft: Tempura-Lunch im Restaurant Hashimoto nehmen oder heute doch lieber Pasta-Lunch bei Donq? – Ach so, geht ja nicht mehr eingedenk „Kyoto ich muss dich lassen“. Vorbei! Vorbei! Na gut, fahren wir halt nach Schloss Burg/Solingen im Bergischen Land zum Waldspaziergang mit anschließendem Waffel-Essen.

Aber vor 3 Wochen lag Japan dann doch „um die Ecke“. Fast zeitgleich mit den Japanern drüben brauchten wir nur fünf Minuten, um von unserem Heim hier zum Hanami zu gehen, das heißt, die Kirschblüte bewundern, in einer Allee, die zumindest ein wenig und ein stückweit dem berühmten Kyotoer Philosophenweg gleicht – wenn man von dem „Philosophen-Flüsschen“ absieht, in dem sich die prachtvoll entfalteten Blüten widerspiegeln.

Und noch etwas ist anders. Die hiesige Allee liegt in all ihrer Schönheit einsam da, während sich in Japans Alleen, Tempeln und Gärten die Besucher freudig und festlich gekleidet mit nicht endenden wollenden Oh-und Ah-Ausrufen von allen Seiten zusammendrängen oder unter Kirschbäumen niedergelassene Familien, Freunde, Pärchen ihr Picknick samt Bier oder Reiswein genießen, und zuweilen weinseelig Lieder zum Lob der Kirschblüte anstimmen. Ich habe überlegt, was ich vorziehe, und bin zu der Ansicht gekommen, dass ich mich doch lieber in die Runde der Festbesucher einreihen würde – am Ort des Ursprungs, in Japan! – In der Bonner Altstadt hätten wir im Besucherstrom aus aller Welt das – adaptierte – Hanami erleben können. Etwa 10 000 Besucher, so die offizielle Angabe, drängen sich tagelang im Bewunderungslärm Selfie-schießend durch die von voll erblühten japanischen Kirschbäumen bestandenen Straßen. Einige Bewohner des Bezirks nennen diese „Pilgerschaft durch den Traum in Pink“ allerdings Spektakel oder gar Ärgernis. Wir haben auf dieses Kirschblüten-Event verzichtet. (Siehe auch: Kirschgarten Kyoto 2015)

In den letzen drei Wochen „drüben“ haben wir in klirrender Januarkälte zum Hello-Good-Bye-Sagen noch einmal unsere Lieblingsplätze aufgesucht, mit kurzen Verweilpausen und dick eingemummelt. Sind für 2 Tage nach Osaka gefahren, um ein weiteres Mal ins berühmte Bunraku-Puppen-Theater zu gehen (s. Bem. unten *).

Haben uns – was längst überfällig war – halb per Aufzug, halb per glasüberdachter, über fünf Stockwerke reichender Schöne-Neue-Welt-Rolltreppe mit tunnelartiger Überdachung zur Aussichtsterrasse des Umeda-Sky-Buildings, Osakas Twin-Tower-Gebäude, „aufgeschwungen“, um mit Touristenschwärmen und dazu gehörigem Sprachbabel die Stadt und den Sonnenuntergang von oben zu betrachten. Ausklingen ließen wir den Abend schließlich in Osakas hell erleuchteter Unterwelt, in einem der vielen Cafés von San-Ban-Gai bei Springbrunnengeplätscher und – fast – ohne Touristen.

Blieben in der verbleibenden Zeit noch die Sayonara-Veranstaltungen. Eingeladenwerden zu Treffen und – vor der Hauhaltsauflösung – selbst einladen, ins Café oder zu uns ins inzwischen durch einige Neu-Erwerbungen verschönerte Heim:

Einladung für Freunde und Wirtin in unser Apartment in Hakuginso

die Freunde aus Osaka, unsere Wirtin, die Freundin aus Tokyo. Außerdem zogen wir natürlich zur Aufwiedersehens-Runde „um die Häuser“, sowohl in unserem Viertel als auch in der Stadt, durch Geschäfte, Restaurants. Und in diesem Zusammenhang erwartete uns eine echte Überraschung. In „unserem“ kleinen gemütlichen „italienischen“ Bahnhofscafé Espressamente, in dem wir aufgrund unserer vielen Reisen: Aufbrechen, Zurückkehren, Freunde abholen und zurück zum Zug bringen! Stammkunden geworden waren, legte uns einer der jungen Kellner zusammen mit der Rechnung leicht verlegen einen Umschlag auf den Tisch. Zwischen ihm und uns hatte die Chemie von Anfang an gestimmt. Wir konnten augenzwinkernd zusammen lachen, scherzen, ein paar Brocken Japanisch, ein paar Brocken Englisch, wobei er stets eine herzlich-respektvolle Haltung wahrte. Kurz gesagt, wir mochten einander, hätten uns aber trotzdem nicht träumen lassen, dass wir zum Abschied ein „Liebesbriefchen“ von ihm erhalten würden.

Was heißt Briefchen? Im Umschlag steckten zwei Notizblockzettel, beschrieben mit Sätzen aus einem japanisch-englischen Übungsheft. Der liebevoll zusammengestellte Text lautete: Sie waren immer gut zu mir. Ich bin dankbar. Ich wollte so gerne viel Englisch mit ihnen sprechen. Leider kann ich kein Deutsch. Ich werde Sie vermissen, aber ich bin glücklich, dass wir uns getroffen haben. Ich werde es nicht vergessen. Ich gebe (gab) mein Bestes. Und last not least: I wish you well!! – Shotaro-san, dein Brief war einer der anrührensten, den wir in Japan erhalten haben. Wir wissen, dass es dein Traum ist, einmal Italien zu besuchen. Wenn dir das gelingt, musst du auch nach Köln kommen. Oder du musst eingedenk des Innsbruck-Liedes auf ein Wiedersehen mit uns in Kyoto warten, „bis dass ich wiederkumm“! Bis WIR wiederkommen. Tabun – vielleicht!

Zwei Tage vor unserer Abreise, am 31.1. war unser Haus am Morgen in Schnee eingebettet. Später, am gleichen Tag, entdeckten wir beim Souvenir-Einkauf auf der Shin-Kyogoku-Straße im Nishiki-Tenmangu-Schrein die ersten Pflaumenblüten. Ist diese Synchronizizät nicht so etwas wie ein gutes Omen?

 

*Anmerkung zu Bunraku: Im Bunraku-Puppentheater werden in großem Rahmen vorwiegend altjapanische, von berühmten Dichtern geschriebene Theaterstücke aufgeführt. Die fast lebensgroßen, sehr beweglichen Puppen – Kopf, Gesicht mit Augen, Brauen, Mund, Arme und Beine – müssen von drei Spielern geführt werden. Synchron zum Spiel trägt ein Erzähler (Rezitator). der auch gleichzeitig Sprecher aller Rollen ist, die Geschichte vor, zeitweise begleitet von einem Shamisenspieler. Das Bunraku gilt als Weltkulturerbe. Einigen Puppenführern, Rezitatoren und Shamisenspielern ist vom japanischen Staat der Titel “Lebender Staatsschatz“ verliehen worden.

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Aktuelle Notiz vom 1. Februar 2018

Kyoto, ich muss dich lassen … dieser auf Innsbruck bezogene Satz des mittelalterlichen Liedes kam uns in den Sinn, als wir heute im Taxi zum Bahnhof fuhren, um den Zug nach Osaka zu nehmen und morgen, am 2. Februar 2018 – hoffentlich ausgeschlafen im flughafennahen Hotel – den Flieger zurück nach Deutschland. Die nahezu 5 Monate in Japan waren nicht nur reichlich angefüllt mit interessanten Erlebnissen, Begegnungen und Freundestreffen, sondern nach dem nun fünften längeren Aufenthalt so intensiv heimatlich, dass ich mir im Augenblick kaum vorstellen kann, nicht mehr hier zu sein. Nicht mehr die vertrauten Wege in der näheren und weiteren Umgebung entlang zu gehen, hier und dort vorbeizuschauen, „hello“ (konnichi-wa) zu sagen oder in einen der Schnellzüge zu steigen und nach „irgendwo“ zu fahren.
Leider regnete es und zwar unentwegt, was ich geradezu als eine „Frechheit“ empfand, da gutes Wetter vorhergesagt war. Dann jedoch fiel mir ein, dass es an dem Tag regnete, als ich (vor gefühlt 100 Jahren) nach monatelanger Reise durch den Nahen und Fernen Osten, Indien eingeschlossen, zum ersten Mal nach Kyoto kam und mich sofort, beim Blick auf die weitgeschwungenen, vor Nässe glänzenden anthrazitfarbenen Dächer des Higashi-Honganji-Tempels, in die Stadt verliebte. Dass ich wusste, in einer zweiten Heimat angekommen zu sein. Somit, dachte ich heute im Taxi, schließt sich der Kreis.
Alle, von denen wir uns verabschieden, sagen: Mata, ne! Bis bald! Und wir wiederholen es: Mata, ne! Heißt doch der letzte Satz des oben erwähnten Liedes „… bis dass ich wiederkumm.“ Vorsichtshalber fügen wir jedoch hinzu: Tabun! Vielleicht!

Trotz Temperaturen um oder unter Null erste Frühlingsboten: Pflaumenblüten

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